7. Spieltag: SV Blau-Gelb II – Hansa I 2:3 (1:2)

Um unser treues Publikum auf dem Laufenden zu halten, ist uns nicht zu beschwerlich. Dieses Mal leisten wir uns – ganz in der Tradition hochwertigen Sportjournalismus – gleich zwei Sichtweisen auf den jüngsten 3:2-Erfolg unserer Ersten gegen den SV Blau-Gelb II. Ob dieser Service auch in den kommenden Spielen aufrecht erhalten werden kein ist derzeit noch nicht geklärt. Wir beginnen 1) mit dem Bericht von Frank Engel (fe.), an den sich 2) die Zeilen von Paul Linke (pl.) anschließen.

1) Man kann die Sache drehen und wenden, wie man will: Hansas Aushängeschild macht es in jedem Spiel spannend. Dazu zählt auch die Partie vom Samstag, zu der auch Geburtstagskind Boris Herrmann (Glückwunsch zum 29. und einem guten Spiel) in erstaulich frischem Zustand erschien, trotz vorabendlicher Feier. Das Spiel, in dem Hansa mit Christian „Glanzparade“ Haberecht und Tammo „Gotchi“ Winkler zwei Stammkräfte urlaubshalber und eine dritte mit Marcel Rusake verletzungsbedingt (nach üblem, nicht geahndetem Tritt vom letzten Spiel beim blau-gelben Platznachbarn HSV Rot-Weiß sprunggelenkgeschädigt), hätte besser nicht beginnen können.

Nach einer guten Viertelstunde veredelte Kapitän Paul Linke eine milimetergenaue Freistoßflanke von Cengiz Yücel aus 6 Metern per Kopf zum 1 : 0. Quasi mit dem nächsten Angriff dann der nächste Paukenschlag, als Ilhami Catal einen eigentlich verunglückten Abschlag von Trainer Ali Ilhan auf gut Glück weiterleitete und Engin Kahraman genau das vorausahnte und allein vor dem Tor das richtige tat, indem er einfach draufhielt – Tor. Mit dieser Führung im Rücken zog Hansa ein gutes Spiel auf holprigen Rasen auf, das bis zur Pause nur durch einen sehr fragwürdigen Elfmeter und den daraus resultierenden Anschlußtreffer für ca. 5 Minuten unterbrochen wurde. Nach dem Seitenwechsel machte die Erste einfach da weiter, wo sie aufgehört hatte. Einziges Manko, wie schon die ganze Saison hindurch, blieb die Chancenverwetung, besonders nachdem Cengiz Yücel nach herausragender Vorarbeit von Yusuf Yildirim das 3 : 1 erzielt hatte. Und wieder ein Elfmeter, diesmal erreichte ein blau-gelber Angreifer mit Ball am Fuß den Sechszehner und sank Andi-Möller-gleich zu Boden, vom jungen Schiri als „Zange“ bewertet, von jedem anderen als nüscht. Derselbe Schütze, dieselbe Ecke, wieder keine Chance für den superben Örümcek-Adam* Ilhan. In derselben Situation knickte Paul Linke, ein Teil der elfmeterverursachenden Zange, unglücklich (kann man eigentlich „glücklich“ umknicken?) um, so daß die Mannschaft ohne Wechselmöglichkeit zu zehnt weiterspielen mußte. Dahin war die Sicherheit des 2-Tore-Vorsprungs, Hektik regierte, doch Blau-Gelb hatte nicht seinen besten Tag und brachte keine klaren Chancen mehr zustande. Insgesamt war es trotz knappem Ergebnis ein hochverdienter Dreipunkter, zu dem jeder Spieler sein Bestes beitrug und eine geschlossene Mannschaftsleistung ermöglichte.

[fe.]
* türk. für „Spiderman“

2) Ungewohnt für die auf Sonntagspiele fixierten Hanseaten war der frühe Termin in Hohenschönhausen am vergangenen Samstag; noch ungewohnter indes war die tatsächliche Anstoßzeit gegen SV Blau Gelb Berlin II, nämlich bereits am Vorabend des Spiels, kurz nach Mitternacht. Boris Herrmann, seines Zeichens wieselflinker Außenläufer, kann links wie rechts, nur nicht mit Hansa siegen, feierte seinen 29. Geburtstag.
Eine engagierte Handvoll Hansaspieler überbrachte dem Balddreißiger standesgemäß die besten Wünsche und, viel wichtiger, den Plan für den 8. Spieltag. Und der ging so: Anstoß, Rückpass auf Mittelfeldstratege Cengiz Yücel, langer Ball auf den Flügel, danach Eckball, Einwurf, Abstoß – egal, Zeichen setzten, von der ersten Minute an, so der Masterplan, dem Gegner signalisieren: Die Punkte gehören nur Hansa!
Und nun zur Umsetzung auf dem Platz. Zwar brachte der lange Flankenschlag auf Roman „Emmi“ Emmerling nichts ein. Die gegnerische Hälfte aber, und genau darum ging es ja schließlich, sollte Hansa in der Folge nur noch selten verlassen. Zügig zirkulierten die Bälle zwischen den – durch eine Verletzungsmisere dezimierten – Reihen, schon früh vergab der gut aufgelegte Yusuf Yildirim zwei Hochkaräter, immer wieder fand Hansa die Lücken in der gegnerischen Abwehr. Nur einmal brachte Abwehrchef Paul Linke das eigene Tor in Gefahr, als er einen langen Befreiungsschlag falsch einschätzend zu einer peinlichen Bogenlampe umdeutete. Nicht ungefährlich, immerhin musste Hansa seinen etatmäßigen Torsteher Christian Haberecht ersetzten. An dessen Stelle schlüpfte Trainer Ali Ilhan in die langen Trainingshosen und seine verweigerten Flugeinlagen während der Aufwärmphase vor dem Spiel ließen wahrlich nichts Gutes ahnen. Fazit: Die Mannschaft vertraute ihrem Trainer, bevorzugte aber das kontrollierte Spiel fernab des eigenen Sechzehners.
Das längst überfällige Tor fiel nach einer Standardsituation in der 18. Minute. Cengiz Yücel brachte den Ball butterweich in die Mitte, wo der aufgerückte Paul Linke nur noch den Kopf hinhalten musste und den verdutzen Torwart überlupfte. „Paul, den machst du!“, hatte ihm Hansas Senkrechtstarter Ben Fischer in einem Anflug von Allwissenheit auf dem Weg gegeben.
Keine drei Minuten später fiel das zweite Tor. Einen verunglückten Abschlag von Ali Ilhan verlängerte Ilhami Catal eher zufällig in den Lauf vom ebenfalls starken Engin Kahraman, der kaltschnäuzig einnetzte. Warum Hansa das Spiel nicht vorzeitig und schon vor dem Halbzeitpfiff für sich entscheiden konnte, bleibt ein Geheimnis respektive ein Fall für die kommenden Trainingseinheiten. Selbst klarste Einschusschancen wurden ausgelassen, und als Paul Linke einen Gegenspieler fair blockte, aber trotzdem zu Fall brachte, entschied der junge Unparteiische plötzlich auf Elfmeter. Marke: Unberechtigt. Das brachte vor allem den Hansaveteranen Asker Karayel auf die Palme. Seine auf Türkisch vorgetragene Protestnote, eine unrühmliche Assoziation von Mutterliebe und Sexualpraktik, blieb nicht ungehört, vor allem nicht unverstanden. Denn auch der Schiedsrichter war des Türkischen mächtig, beließ es aber bei einer Gelben Karte, anstatt in die Gesäßtasche zu greifen.
Gegen den Elfter war Ali Ilhan chancenlos: „Ich habe auf die rechte Ecke spekuliert, sehe dann aber, dass der Ball nach links fliegt – warum soll ich da überhaupt noch springen?“ 2:1 in der 30. Minute, der Spielverlauf war auf den Kopf gestellt. Von Ballsicherheit keine Spur, Hansa brachte sich selbst aus dem Konzept und hätte um ein Haar den Ausgleich kassiert. Der sich im Verlauf des Spiels steigernde Ali Ilhan lenkte einen Kopfball an die Latte. Dann endlich Pause. Eigentlich gab es keinen Grund, an der Taktikschraube zu drehen. Die Abwehr machte an diesem Tag einen sicheren Eindruck, im Mittelfeld gewannen „Pasquale“ Meiser, Boris Herrmann und Roman „Emmi“ Emmerling nahezu alle Zweikämpfe und leiteten die Bälle schnörkellos in die Spitze. Das Manko blieb die Chancenauswertung. Wie es gehen kann, zeigte Hansa in der 65. Minute. Nach einer zugegeben strittigen Einwurfentscheidung, Stichpunkt Cleverness, wurde der Ball über zwei Station steil auf Yusuf Yildirim gespielt, der schier mühelos gleich mehreren Bewachern enteilte, in den Sechzehnmeterraum eindrang und perfekt in die Mitte passte. Cengiz Yücel schob die Kugel zum 3:1 in die Maschen. Die Entscheidung – dachten alle. Doch weil Boris Herrmann den Ball freistehend aus gefühlten 20 Zentimetern nicht im Netz unterbrachte und zahlreiche Konter zu überhastet abgeschlossen wurden, es hagelte Schüsse über die Latte, versäumte Hansa den Todesstoss zu setzten.
Und dann: Unberechtigter Elfmeter, Teil II. Rechtsverteidiger Ben Fischer grätschte den Ball gewohnt souverän zur Ecke (80.), der Schiedsrichter jedoch erkannte auf Foul und zeigte zum Kreidepunkt. In den anschließend üblichen Turbulenzen ging vollkommen unter, dass Paul Linke verletzt an der Grundlinie lag, man hatte den Kapitän schlichtweg übersehen.
Wieder ging der Ball in die falsche Ecke (siehe Zitat oben), wieder hatte der Schiedsrichter dafür gesorgt, dass das Spiel eine unvermutete Wendung nehmen konnte. Die letzten zehn Spielminuten dehnten sich wie Kaugummi zu einer qualvollen Abwehrschlacht. Ali Ilhan: „Ab jetzt die Bälle nur noch raus!“ In Unterzahl, ein dritten Auswechsler suchte man vergeblich, trotze Hansa den hohen Flankenbällen des Gegners. Bis zum Schlusspfiff.
Aus den nachfolgenden Szenen, Männer liegen sich in den Armen und fast weinen sie vor Glück, lassen sich genau zwei Schlüsse ziehen. Erstens: Hansa bleibt im Rennen um den Aufstieg. Und zweitens hat Boris Herrmann seinen persönlichen Fluch besiegt. Herzlichen Glückwunsch zum ersten Dreier in Schwarz-Gelb und noch einmal zum Geburtstag. [pl.]

Aufstellung: Ilhan – Catal, Linke, Karayel (58. Roti), Fischer – Meiser, Emmerling, Herrmann, Yücel – Kahraman, Yildirim (74. Engel)

Tore: 0:1 Linke (18.), 0:2 Kahraman (35.), 1:2 (30.), 1:3 Yücel (65.), 2:3 (78.)

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