Autor: Marc Nutsch

Nach drei Pflichtspielniederlagen in Folge, inklusive Pokal, und einem ziemlichen Gegentorhagel (16!), standen die Vorzeichen für die Zwote der Hanseaten auf Trendwende. Morgens an der Urne den Trend zur AfD abwenden und zu Mittag dann die eigene Stimmung zum Guten wenden, so der Plan.

Der Kader war übervoll, aber obwohl sich das Trainerduo Strzoda/Nutsch die Finger wundgetippt und die Münder fusseliggeredet hatte, war es nicht gelungen einen ausgebildeten Torwart zu akquirieren. Zu dünn die die Personaldecke an dieser Stelle im Verein. So stand im zweiten Spiel in Folge ein Feldspieler im Kasten. Antoni Berendetto, Typ Buffon, in Bezug auf Lässigkeit und Nonchalance, zog das kürzeste Streichholz und streifte sich leicht brummelnd bis ziemlich knorzig das gelbe Jersey mit der Nummer 1 über. Neu im Hansa-Portolio der Saison 2016/17, Fred Schweck. Könnte ebenfalls Italiener sein, ist es aber nicht. Er gab heute sein Debüt im Mittelfeld der Startelf. Dazu noch liganeu die Herren Sahan und Kron, die letzte Woche im Pokal bereits ihren Einstand gefeiert hatten. Die Trainer hatten nach den Abreibungen gegen Al Dersimspor und den FC Kreuzberg beschlossen, systemisch etwas vom Husarenstil abzurücken und wieder auf mehr Präsenz im Mittelfeld zu bauen. Damit sollte vermieden werden, dass der Gegner zu viele zweite Bälle gewinnt und zu leicht in die gefährliche Zone kommt.

Das Spiel begann fahrig und unruhig. Berendetto testete gleich mal, ganz nonchalant, wie es seine Art ist, die Notfallpieke als Beförderungsmittel für den Ball. Er setzte noch einen drauf, als er den Abwurf zu sich selbst ausprobierte. Auf der Bank war man sich nicht sicher, ob das als Misstrauensvotum gegen die eigene Mannschaft gewertet werden musste. Schließlich war ja Wahltag und Berendetto ob seiner Wahl zum Torwart des Spiels auch bedingt kooperationswillig. Wie dem auch sein, es war kein schönes Spiel. Hansa probierte sich in Stabilisation und gemäßigter Attacke. Ersteres klappte ganz gut, Zweiteres eher so unter der Fünfprozent-Hürde. Fußball wäre ja so einfach ohne Ball. Aber dieser ist halt leider Teil des Spiels und sprang den Hanseaten heute meist etwas zu hoch oder zu weit oder dann doch nicht weit genug, ach, auf alle Fälle halt nicht so, wie eigentlich gebraucht und gewünscht.

Als Dank für die Misshandlungen durch die Hanseaten, ließ sich der Ball dann in der 29. Minuten von den Meteoriten ins Tor streicheln. Ein Weg-das-Ding-Ball der Hansa-Abwehr, wurde an der Mittellinie abgefangen, returniert und zwei schnelle Pässe später lief ein Meteorit in den Sechzehner und … zack … drin. Berendetto lag auf dem Rücken und Hansa im Hintertreffen. Doch überraschenderweise bekamen die Gastgeber nun mehr Zugriff auf das Spiel. Vor allem die linke Seite, mit dem stets wuseligen und drahtigen Kemal Sahan bereitete den Gästen Probleme. Blieben die ersten Abschlussversuche noch in der vielbeinigen Abwehr hängen, eröffnete eine energische Balleroberung von Jan Homberg im Zentrum plötzlich viel Raum auf eben der linken Seite. Jan zu Kemal, Kemal im Sechzehner zur Grundlinie, Rückpass auf Luka und ab ins Glück. Ausgleich. Und irgendwo wummerte freudig ein Ghettoblaster. In den darauffolgenden Minuten bis zum Pausentee übernahm die Hansa das Heft des Handelns. Pass in die Tiefe auf Fred, großartiger Querpass flach vors Tor, Kemal steht goldrichtig und jagt den Ball in die Wolken. Aus zwei Metern. Aus 1,3 Metern. Egal. Unglaublich. Schwerer nicht zu machen, als zu machen. Pause.

Trainer Strzoda packt die Taktiktafel aus und gibt den Motivator. Hansa wechselt. Achille Aimeé Soppé, ein Name wie ein Gaumenschmaus, kommt neu ins Spiel und soll auf der rechten Außenbahn Alarm machen. Macht er auch. Doch bevor Achille überhaupt dazu kommt, greift ein Spieler von Meteor richtungsweisend ins Spiel ein. Der junge Mann hat seinen Jargon nicht im Griff, als er sich vom Schiedsrichter benachteiligt fühlt und noch ehe die zweite Hälfte richtig begonnen hat, befinden sich die Gäste in Unterzahl. Und es kommt noch dicker für Meteor. Ein Spielzug über links landet bei Juri, der leitet weiter in die Mitte und da taucht Fred vorm Tor auf und ist schon wieder weg, als der Ball unten rechts im Netz landet. Hansa führt, Meteor ist richtig bedient. In Folge der kommenden Minuten spielt der Schiedsrichter mit den Spielern von Meteor das Spiel »In welcher Tasche habe ich die gelbe Karte versteckt?« und die Jungs in Blau sind erstaunlich treffsicher im Erraten. Die Hansa-Bank hat den Überblick verloren, wer denn jetzt noch nicht verwarnt ist? Hansa pflückt unter den Umständen dann lieber schnell Gelbsünder Kemal von der Wiese und bringt Daniel Hänel. Anderthalb Minuten später humpelt Daniel vom Platz. Bedrückte Gesichter. Das Knie. Oje. Später stellt sich raus, der Meniskus ist es wohl. Gute Besserung und schnelle Genesung, Daniel. Micha Netz kommt. Und Verteidiger Stürmer tritt zum Freistoß an. Berendetto lamentiert von Hinten, dass das was für ihn sei. Tilmann Stürmer tritt den Ball mit einer Mischung aus Kraft und Schnitt. Sieht gekonnt aus und fliegt nicht sooooooo schlecht. Tor. Stürmer stürmt zur Auswechselbank und vergessen ist der malade Rücken. Da hüpft er wie ein junges Reh. In den Hansa-Reihen macht sich so etwas trügerisches wie Sicherheit breit. Das gewinnen wir.

Aber da haben die Hanseaten nicht mit den eigenen Nerven gerechnet. Alles im Griff haben ist ja auch langweilig. Um wieder für etwas Spannung zu sorgen, laden die Hanseaten den Gast zum Sonntagsschuss ein und sind dann doch auch etwas enttäuscht, dass der annimmt. Nur noch 3:2. Der Spannungsbogen erreicht seinen Klimax, als einer der Gäste kurz darauf zum zweiten Mal das Versteck der roten Karte richtig errät. Ist aber auch zu einfach in der Gesäßtasche. Kennt man doch aus dem Fernsehen. Ein Tor und zwei Spieler Vorsprung. Locker, das reicht. So müssen die Hanseaten gedacht haben, als sie in den kommenden Minuten mehrfach in 3vs1- oder gar 4vs1-Überzahl aufs Tor zugelaufen sind. Immerhin ein Eckball resultierte darauß. Trainer Strzodas Stimme quietschte derweil nur noch und war kurz vorm Überschlag. Trainer Nutschs restliche Haare ergrauten oder flüchteten. Und so gabs in der 89. Minuten dann noch mal Grund für Sorge. Freistoß an der Strafraumkante für Meteor. Der ausgewechselte Steffen Hoffmann kauerte hinter den Trainerstühlen. Markus Winkler erkannte, dass draußen zuschauen müssen wesentlich schlimmer war, als im Spiel zu sein. Und den Meteor-Schützen verließ der Mut. Der Ball blieb in der Mauer hängen. Drei Minuten später vollendete der Mann mit dem Namen wie ein Gaumenschmaus einen Konter, wie er in keinem Lehrbuch steht und dann war Schluß. Beide Trainer völlig fertig. Berendetto danach mit einem Rede-Tsunami, der fast die gesamte Mannschaft weg gespült hat. Ein Sieg, der sich erst gar nicht so angefühlt hat, auf Grund der fehlenden Klarheit, aber dann doch als solcher angenommen wird. Ist ja auch schön, dass es noch was besser zu machen gibt. Auf ein Neues in einer Woche.

 

Aufstellung: Behrendt – Hoffmann (75. Schmidt), Kron, Stürmer, Winkler (46. Soppé) – Ermini – Sahan (55. Hänel / 58. Netz), Homberg, Schweck, Allesch (78. Dietrich) – Nienaber

Tor: 0:1 Dinkis (29.), 1:1 Nienaber (36., Sahan), 2:1 Schweck (49., Allesch), 3:1 Stürmer (64., dir. Freistoß), 3:2 Mehmet Eren Aydin (71.), 4:2 Soppé (90.+2, Dietrich)

 

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