Fußball ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wenn ein Großereignis ansteht, schlägt die Stunde der Patriotenvon Boris Herrmann

Ich war zehn Jahre alt, lebte in Haueneberstein und war Sowjetunion-Fan. Haueneberstein ist ein kleines Dorf im Nordschwarzwald. Sowjetunion-Fans waren dort eher selten. Es war 1988, in Deutschland fand die Fußball-Europameisterschaft statt. Ich verstand damals nicht, warum mich meine Oma entgeistert anschaute, als ich sie bat, mir eine rote Fahne mit Hammer und Sichel zu nähen. Vom Zweiten Weltkrieg hatte ich schon mal etwas gehört. Unter dem Kalten Krieg konnte ich mir weniger vorstellen. Irgendwelche Scharmützel am Nordpol, nahm ich an. Meine Oma erzählte mir, dass mein Großvater der vorletzte Dorfbewohner gewesen sei, der aus russischer Gefangenschaft nach Haueneberstein zurückgekehrt war.

Ich wollte trotzdem eine Sowjetunion-Fahne.

Man muss kein Patriot sein, um eine Nationalelf zu vergöttern. Manchmal ist es sogar besser, gar nichts über das Land zu wissen, zu dem man hält. Mein Vater kaufte mir 1988 das Hanuta-Album für die Sammelbilder der deutschen Spieler. Matthias Herget sah wie ein Rocker aus, Wolfram Wuttke hatte den lustigsten Namen. Alle anderen fand ich langweilig.

Ganz anders die Sowjets. Meine Sowjets. Sie hatten mit Abstand die schönsten Trikots. Der Schriftzug ihres Hauptsponsors, CCCP, sah noch besser aus als die Commodore-Werbung des FC Bayern. Und dann diese Spielernamen: Gennadi Litowchenko, Vagiz Khidiyatullin, Alexej Mikhailichenko. So hieß niemand in Haueneberstein .

Meine Mutter erzählte mir, dass mein Vorname auch russischer Herkunft sei. Sie fand ihn exotisch. Ich freute mich ein bißchen. Leider hatte Trainer Waleri Lobanowsky für die EM 1988 keinen Boris nominiert. Ich hätte in diesem Moment noch lieber Gennadi oder Vagiz geheißen.

Als die UdSSR das Finale in München erreicht hatte, fuhr ich mit dem Bus nach Baden-Baden und lieh mir in der Stadtbibliothek eine Kassette mit der sowjetischen Nationalhymne aus. Am nächsten Tag saß ich vor dem Fernseher und musste zusehen, wie die Sowjets 0:2 gegen Holland verloren. Das hätte es bei mir niemals gegeben. Ich ging in mein Zimmer und spielte mit Tipp-Kick-Figuren mein eigenes Finale, das ich live kommentierte. Bei mir gewann die Sowjetunion 3:0 gegen Deutschland. Tore: Pasulko und zwei Mal Protasow. Torhüter Rinat Dassajew war unbezwingbar.

Ich habe nie wieder eine Fußball-Mannschaft so sehr gemocht wie diese sowjetische Auswahl von 1988, die im Prinzip gar keine Auswahl war, weil alle bei Dynamo Kiew spielten. Kiew wiederum interessierte mich überhaupt nicht, klang viel zu sehr nach Kiel. Meine liebste Vereinsmannschaft war damals der FC Bayern, wahrscheinlich wegen der Commodore-Werbung. Zehn Jahre später, ich hatte zum Geburtstag gerade mein erstes taz-Abo bekommen, versuchte ich, mir den FC Bayern abzugewöhnen. Ich schrieb in mein Tagebuch, dass der Klub von der CSU gesteuert sei und dass ich mir eine Beziehung zum SC Freiburg antrainieren müsse. Mein Verein sollte zu meinem Zeitungs-Abo passen.

Es hat nicht funktioniert. Bald konnte ich weder Bayern noch Freiburg ausstehen. Heute freue ich mich ein bisschen, wenn Karlsruhe gewinnt, schlafe aber auch gut, wenn Karlsruhe verliert. Manchmal denke ich sehnsüchtig an jene Sowjetunion zurück, die für mich kein Land, sondern eine Mannschaft war. Fußball macht keinen Spaß, wenn man nicht parteiisch ist.

Inzwischen lebe ich in einem Land, in dem immer mehr Menschen Spaß am Fußball finden. Vor allem dann, wenn ein sportliches Großereignis ansteht. Ein Bekannter erzählte mir vergangene Woche von einer Hochzeitsfeier in Brandenburg, die für die Übertragung des EM-Testspiels Deutschland gegen Serbien unterbrochen wurde – im Einverständnis mit der Braut und unter Anfeuerungsrufen der Schwiegermutter. Die bratwurstigen Stadion-Nerds und die Hanuta-Bild-Sammler, die sich noch vor einigen Jahren dafür belächeln lassen mussten, dass sie ihr Leben nach einem sinnlosen Gebaren von 22 Spielern auf dem Rasen strukturierten, gibt es noch. Aber man nimmt sie nicht mehr so wahr. Sie sind von der Masse verschluckt worden. Fußball ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Er ist Mainstream.

Aus dem Stadionfußball wurde der Fernsehfußball, aus dem Fernsehfußball der Public-Viewing-Fußball. Das heißt aber nicht, dass die Zuschauer vor der Großleinwand weniger parteiisch wären. Niemand fiebert 90 Minuten bei einem Spiel mit, dessen Ergebnis egal ist. Teil dieses Spiels ist auch, dass sich die Zuschauer von der gegnerischen Mannschaft optisch abgrenzen. Die Hammer-und-Sichel-Flagge im Schwarzwald und die schwarz-rot-goldene Hochzeitsfeier in Brandenburg sind Ausdruck derselben einfachen Wahrheit: Fußball schafft Identifikation. Identifikation auf Zeit.

Als die Nation bei ihrer Heim-WM vor zwei Jahren vereint vor der Großbildleinwand saß und die Bundeskanzlerin im Stadion beim Anblick eines Abstaubertores von Miroslav Klose stellvertretend für ihr Volk dem DFB-Präsidenten Theo Zwanziger um den Hals fiel, da war für manche der letzte Beweis erbracht, dass der emotionale Kern der deutschen Seele auf dem Fußballrasen ruht. „Wir haben der Welt ein anderes Gesicht von Deutschland gezeigt“, fand Jürgen Klinsmann. „So wie in diesem Sommer hat sich Gott die Welt gewünscht“, frohlockte Franz Beckenbauer. Willkommen im entspannten Patriotismus.

Wer im Frühsommer 2006 gut aufgepasst hat, der weiß, dass dieser Patriotismus unter anderem daran zu erkennen war, dass mehr Fußball-Hühnersuppe und Klinsibrot verkauft wurde. Der neue Deutsche, von dem so viel zu hören und lesen war, ist konsumfreudig, selbstironisch und friedliebend, nett zu Polen und Ecuadorianern. Nur die Italiener hat er nicht ganz so gerne, weil die so wenig Gegentore zulassen.

Während der WM schlief ein ecuadorianischer Sportfotograf auf meiner Klappcouch. Er war zum zweiten Mal in Deutschland, es gefiel ihm diesmal noch besser als Ende der Neunziger Jahre. Er überlegte sogar, sich hier niederzulassen. Ich nahm an, dass es an dieser neuen deutschen Offenheit liege müsse, diesem sympathischen Rausch in Schwarz-Rot-Gold. Wir sprachen nächtelang darüber. Am Ende stellte sich heraus, dass ihm in Deutschland zwei Dinge besonders gefielen: Ein Getränk namens Apfelschorle und die öffentlichen Klohäuschen. In Quito, sagte er, pinkeln alle auf die Straße.

Vielleicht hat die WM-Kirmes deshalb so gut funktioniert, weil die Deutschen ganz gute Event-Veranstalter sind – vom Catering bis zum Dixiklo. Weil das Team von Jürgen Klinsmann einfach überraschend guten Fußball gespielt hat. Weil das Wetter mitspielte. Einige meiner Freunde nannten mich einen Spielverderber, wenn ich solche Zweifel äußerte. Der neue Fußball-Patriotismus war schließlich kein diffuses Gefühl, man konnte ihn sogar messen – wenn auch recht ungenau. Zwischen fünf und zwanzig Millionen schwarz-rot-goldene Fähnchen sollen die Deutschen im Sommer 2006 gekauft haben. Der Absatz dieser kleinen Rechtecke aus chinesischer Produktion mit dem englischen Namen „car flag“ war plötzlich das Thermometer des deutschen Nationalgefühls. Sie erhöhen den Spritverbrauch, und trotzdem werden sie auch bei dieser EM wieder an jedem zweiten Auto wehen. Die Deutschen tun wieder was für ihr Land. Die Geschichte scheint rund.

Es ist nahe liegend, Fußball national zu deuten. Weil er staatlich organisiert ist und trotzdem Emotionen schafft. Weil er Menschen, die sich noch nie gesehen haben, das Gefühl gibt, zusammenzugehören. Und weil ein Anhänger einer Nationalmannschaft immer aussieht wie ein Nationalist. Schal, Flagge, schwarz-rot-goldene Perücke. Deutsch bis in die Haarspitzen.

Was 2006 als neues deutsches Nationalgefühl gedeutet wurde, ist aber weder besonders nationalistisch noch besonders neu. Das Team von Bundestrainer Rudi Völler, das 2002 als Totalversager nach Japan und Korea reiste und als Vizeweltmeister zurückkehrte, wurde am Frankfurter Römer ähnlich frenetisch empfangen wie die Weltmeister der Herzen vor zwei Jahren in Berlin. Auch damals in Frankfurt reckten tausende junger Mädchen Poster von Michael Ballack und Christoph Metzelder in den Himmel und riefen „Michi, Michi“ oder „Metze, Metze“. Man konnte ihre schwarz-rot-goldene Schminke auf der Wange als Knutschflecke des Nationalismus interpretieren – mir kam es eher vor wie bei einem Popkonzert. Die längst überfällige Entmännlichung des Fußballs, seine neue Popularität bei jungen Frauen, hat aus der Nationalmannschaft eine Boygroup gemacht.

1972 war Fußball noch ein Männersport und Deutschland ein Schimpfwort. Unter den Spielern gehörte es zum guten Ton, bei der Nationalhymne nicht mitzusingen. Ich war nicht dabei, als die – laut Überlieferung – beste deutsche Mannschaft aller Zeiten und Zonen in Belgien Europameister wurde. Es gibt aber ein Foto, das kurz vor dem Abpfiff aufgenommen wurde, beim Stand von 3:0 für die DFB-Elf. An der Seitenlinie drängen sich so viele Fans mit schwarz-rot-goldenen Fahnen und Mützen, dass sich manche mit einem Fuß abstützen müssen, um nicht aufs Spielfeld zu fallen. Fragt sich nur, ob das nun Liebe zum Vaterland war oder Zuneigung zu Spielern wie Netzer, Wimmer und Beckenbauer.

Die Soziologe Norbert Seitz hat die EM 1972 und die öffnenden Pässe von Günter Netzer später mit der öffnenden Ostpolitik Willy Brandts verglichen. Er steht damit exemplarisch für das sportpublizistische Leitmotiv par excellence in Deutschland: der Suche nach epochalen Wahlverwandtschaften zwischen Fußball und Politik. Warum wurden Berti Vogts und Helmut Kohl fast zeitgleich abgewählt? Hätte Gorbatschow der Wiedervereinigung zugestimmt, wenn Andy Brehmes Elfmeter im WM-Finale 1990 daneben gegangen wäre? Und vor allem: Wurde die Bundesrepublik nicht in Wahrheit 1954 auf dem Rasen von Bern gegründet?

Mehr als ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit der Rundfunkreporter Herbert Zimmermann im Wankdorfstadion festgestellt hatte, dass Rahn aus dem Hintergrund schießen müsste. Rahn schoss. Und traf. 3:2 für Deutschland. Banges Warten, die längsten sechs Minuten der Nachkriegsgeschichte. Dann Zimmermann: „Die Ungarn erhalten einen Einwurf zugesprochen, der ist ausgeführt, kommt zu Kocsis – Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!“ Da hatte der Reporter schon recht: Deutschland – oder zumindest eine Auswahl seines größten Sportverbandes – hatte gerade die WM gewonnen. Bezweifelt wird allerdings bis heute seine Feststellung, wonach das Spiel damit wirklich schon Aus! war. Bücherregale könnte man mit Beschreibungen füllen, die in diesem Schlusspfiff erst den Anfang sahen; die Legitimation der Demokratie, den Startschuss des Wirtschaftswunders, die Befreiung aus der inneren Kriegsgefangenschaft. Der Chefredakteur einer großen deutschen Tageszeitung erklärte das so genannte Wunder von Bern 2004 zu einem Ereignis von staatstragender Bedeutung, „wichtiger als die Währungsreform, die Verabschiedung des Grundgesetzes oder das Einreißen der Berliner Mauer“.

Seltsam unpathetisch wirkt dagegen die Reaktion des damaligen Kanzlers Konrad Adenauer. Er war alles andere als zu Tränen gerührt, als er von dem Sportsieg der Mannschaft von Trainer Sepp Herberger erfuhr. Adenauer schickte ein sachliches Telegramm ohne patriotische Zwischentöne, in dem er der Mannschaft seine „herzlichsten Glückwünsche“ aussprach. Pflichterfüllung. Weder der Kanzler noch andere hochrangige deutsche Politiker waren am 4. Juli 1954 mit von der Partie. Das Wunder von Bern ließ die Volksvertreter in den 50er Jahren offensichtlich völlig kalt.

Auch ein Blick in die Presseberichterstattung der damaligen Zeit fördert Erstaunliches zu Tage. „Ein großer Sieg, ein großer Tag, aber nur ein Spiel“, titelte die Süddeutsche Zeitung trocken. Und die Frankfurter Allgemeine entschloss sich, auf der Aufschlagseite des Sportteils den Rennfahrer Manuel Fangio abzubilden, der im Mercedes-Benz den Grand Prix in Reims gewonnen hatte. Daneben steht ein Bericht über das Finale in Bern – ohne Foto. Im Gegensatz zum deutschen Fußball konnten die Silberpfeile eine erfolgreiche Vorkriegsgeschichte vorweisen. Die Formulierung „Wir sind wieder wer“ passte besser auf die Autorennstrecke als ins Fußballstadion. Nur unmittelbar nach dem Endspiel schaffte es die WM 1954 mit großflächigen Berichten über die triumphale Heimkehr des DFB-Trosses in die Tageszeitungen. Sie lesen sich wie ein Versandhauskatalog. Die Spieler wurden mit „strahlend weißer Unterwäsche“, Porzellanfiguren und Allgäuer Käse überhäuft. Am Bahnhof von Singen blieb der Sonderzug in der jubelnden Menge stecken. Ein Spielmannszug baute sich vor den Weltmeistern auf. Es erklang „Auf dem Bodensee“ – nicht die Nationalhymne. Zwei Tage später war der WM-Sieg vom Tisch. Die Menschen hatten wieder andere Sorgen.

Es sieht ganz danach aus, als sei der 4. Juli 1954 zunächst weniger ein Datum der mentalen Gründung der Bundesrepublik gewesen als vielmehr der Startschuss für die Popularität des Fußballs in Deutschland – über Klassen-, Alters- und Geschlechtergrenzen hinweg. Das Endspiel von Bern ist deshalb ein wunderbares Beispiel dafür, wie Nationen ihre Mythen konstruieren. Sie funktionieren nur dank des ausgeprägten Willens, sich das Wunschbild nicht von den Fakten kaputt machen zu lassen. Es fällt auf, dass die WM 1954 genau in jener Phase umgedeutet wurde, als Zeitzeugen nicht mehr widersprechen konnten, Ende der Neunziger Jahre also. 1994 waren von der Berner Elf bis auf drei Spieler noch alle am Leben. Zehn Jahre später waren bis auf drei alle tot. Das Wankdorfstadion in Bern aber wurde plötzlich als wichtigster deutscher Erinnerungsort gelesen, ein vom Krieg gepeinigtes Volk war in ihm zu alter Stärke aufgelaufen. Siegtorschütze Helmut Rahn hat einmal in einem Interview gesagt: „Mit dem dritten Tor fing die ganze Scheiße in meinem Leben an.“ Er starb am 14. August 2003 – zynisch gesprochen pünktlich zum Kinostart von Sönke Wortmanns staatstragender Kinoverfilmung.

Nach dem Wunder von Bern und dem ebenfalls von Wortmann in Szene gesetzten Sommermärchen, soll die deutsche Nationalmannschaft nun also in den Alpen zur Bergtour auf europäische Gipfel aufbrechen. Der Fußballfernsehsport kommt ohne solche Metaphern nicht aus, auch wenn sie noch so schräg sind. Mal wird er als säkulare Massenreligion beschrieben, dann als kulturelle Leitwährung, als Krieg mit anderen Mitteln, als Erziehungsmaßnahme, als Droge, als Wachstumsmaschine oder eben als Volksmärchen. Vergessen wird dabei, dass Fußball auch ein Eigenleben hat. So ganz nebenbei ist er nämlich ein Spiel, das 90 Minuten dauert.

Märchen, so heißt es im Wörterbuch, werden erfunden und mündlich überliefert. Insofern ist der Begriff Sommermärchen vielleicht treffender, als viele wahr haben wollen. Der entspannte Patriotismus wäre demnach vor allem das Ergebnis einer gigantischen gesellschaftlichen Kraftanstrengung. Am Sommermärchen wurde schon gefeilt, bevor die WM 2006 überhaupt begonnen hatte. Angela Merkel machte in ihrer Neujahransprache den Anfang. „Der Sieger steht für mich jetzt schon fest“, sagte sie, „das sind wir, die Menschen in diesem Land, weil wir mit der ganzen Welt ein Fest feiern können.“ Die millionenschwere Kampagne „Du bist Deutschland!“ lieferte den nötigen Werbedruck. Und der damalige Spiegel-Kulturchef Matthias Matussek mit seinem Buch „Wir Deutschen“ den theoretischen Überbau. Am Tag vor dem Eröffnungsspiel übersetzte die Bildzeitung den entspannten Patriotismus schließlich für den kleinen Mann:

Ja zu Deutschland-Fahnen am Auto!

Ja zu deutschem Bier!

Ja zur deutschen Hymne!

Ja zur deutschen Frau, die lächelnd zuschaut!

Fußball selbst spielte innerhalb dieses nationalen Projektes nur eine Nebenrolle. Bisweilen wurde er sogar als Störfaktor empfunden. Vor der WM galt Jürgen Klinsmann praktisch als Landesverräter, weil er in Kalifornien wohnte, das Nationaldenkmal Oliver Kahn auf die Bank setzte und gestandene deutsche Fußballer Gummi-Twist tanzen ließ. Nach der 1:4 Niederlage im Testspiel gegen Italien sollte der Bundestrainer sogar im Parlament aussagen. Als Angeklagter wohlgemerkt, nicht als Zeuge. „Es wäre schön, wenn Herr Klinsmann mal dem Sportausschuss erklären würde, was seine Konzeption ist, und wie er Weltmeister werden will“, sagte der CDU-Abgeordnete Norbert Barthle. FDP-Politikerin Miriam Gruß sprach von einem „nationalen Anliegen“. Nach der WM war es dann ein nationales Anliegen, dass Jürgen Klinsmann weitermachte. Sein Wohnsitz in Huntington Beach galt plötzlich als Zeichen der neuen deutschen Internationalität, die Gummibänder symbolisierten den deutschen Innovationsgeist. Was nicht in den entspannten Patriotismus passte, wurde passend gemacht.

Ich habe diese Weltmeisterschaft in zwei Phasen erlebt. Ich kaufte mir keine Deutschland-Fahne, aber ich fand es anfangs schön, dass sich die Deutschen mit ihrer Nationalmannschaft identifizierten, ohne sich gegenseitig schief anzuschauen. Und irgendwie auch normal. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die an Reichsdeutschland denken, wenn sie Schwarz-Rot-Gold sehen. Ich mochte Klinsmann, ich mochte seinen Hurra-Fußball, und ich mochte die dazu passende Partydekoration. Ich fand es bloß ein wenig verkrampft, dass man sich den ganzen Tag gegenseitig vorsagen musste, wie entspannt man gerade sei.

Dann handelte sich Kapitän Michael Ballack eine öffentliche Rüge ein, weil er im Mannschaftsquartier in einem italienischen T-Shirt ertappt wurde. Das war der Auftakt zur zweiten Phase. Sie setzte sich fort in einem Fausthieb von Thorsten Frings gegen einen argentinischen Gegenspieler, der Team-Manager Oliver Bierhoff dazu veranlasste, über den Südländer an und für sich zu schwadronieren. Als italienische Medien die entsprechenden Beweisbilder publizierten und Frings dafür zu Recht für das Spiel gegen Italien gesperrt wurde, war von den Pizza-Petzern die Rede. Was immer das war, entspannt war es nicht mehr.

Es ist schnell Herbst geworden nach dem deutschen WM-Sommer. Die Klubmannschaften verabschiedeten sich so frühzeitig wie gewohnt aus den europäischen Wettbewerben. In den Stadien wurde wieder der Nigerianer Ogungbure beschimpft und der dunkelhäutige Deutsche Asamoah ausgepfiffen. Und irgendwann haben die Bundesbürger auch mitbekommen, dass die Pendlerpauschale abgeschafft und die Mehrwertsteuer erhöht worden war, während sie auf der Fanmeile am Bierstand Schlange standen.

Nun, da in Österreich und der Schweiz die Verlängerung des Sommermärchens beginnen soll, erinnert sich die Fußballnation aber lieber an das, an was sie sich erinnern will. Die tolle Stimmung auf der Fanmeile, die zwei Jahre alten Fähnchen aus der Mottenkiste und, siehe da, sogar David Odonkor gibt es noch. Es kann also wieder losgehen. Vergangene Woche nach dem Testspiel gegen Serbien hat Angela Merkel in bewährter Manier die deutschen Spieler in der Kabine besucht und ihnen den nationalen Auftrag zum EM-Sieg erteilt. Der Nassbereich der Nationalmannschaft gehört traditionell zu den Lieblingsorten deutscher Bundeskanzler. Wer von Ballack und Klose in die Kabine gelassen wird, den kann schließlich auch der Wähler nicht einfach so übergehen. Die Nationalspieler haben gesagt, Frau Merkel sei sehr nett gewesen.

Meine eigene Fußballer-Karriere beim FV Haueneberstein habe ich 1998 nach einer anhaltenden Formkrise in der Spät-Pubertät beendet. Erst seit einem Jahr spiele ich wieder Fußball. In Kreuzberg bei Hansa 07 in der Kreisliga. Dort, wo es keine Sommermärchen gibt. Auf unserem Kunstrasen schürft man sich bei geringstem Bodenkontakt die Knie auf, die Duschen sind die meiste Zeit wegen Asbestverseuchung gesperrt, und wir müssen zehn Euro zahlen, damit der Klub für alle Spieler gleichfarbige Stutzen kaufen kann. In unserer Mannschaft gibt es elf Türken, einen Argentinier, je einen Polen und Kroaten, einen gebürtigen Indonesier, einen Österreicher und ein paar Deutsche. Es gibt Landzeitstudenten, Maurer, Taxifahrer, Designer und Dönerbudenbesitzer. Manche trinken nach jedem Training vier Bier, andere würden aus Glaubens- und Gewissensgründen nicht einmal daran riechen. Manche haben drei Freundinnen, andere drei Kinder.

Man könnte die gesamte Kreuzberger Wirklichkeit in diese Mannschaft hineindeuten, und wahrscheinlich hätten wir auch gute Aussichten auf jeden Integrationspreis. Obwohl uns eine Sprache fehlt, die alle verstehen, kann man sagen, dass wir uns so etwas wie eine Identität geschaffen haben. Der Pizzabäcker neben dem Sportplatz bietet inzwischen eine Pizza-Hansa in den Vereinsfarben schwarz-gelb an – mit Oliven und Mais. Schmeckt nicht wirklich, wird aber nach Heimspielen gerne genommen.

Vergangenen Sonntag sind wir aus der Kreisliga B in die Kreisliga A aufgestiegen. Von ganz unten nach fast ganz unten. Nach dem Aufstieg haben wir ein Lamm gegrillt, uns in gelb-schwarze Fahnen gehüllt und zu Rio Reiser getanzt. Dann sind alle wieder in ihren Parallelwelten verschwunden.

Ich habe bei Hansa gelernt, dass Fußball um seiner selbst willen gespielt wird. Niemand will bei uns einen Integrationspreis gewinnen. Manchmal winken wir uns aus der einen Parallelwelt in die anderen zu, aus der Dönerbude ins Straßencafé, vom Fahrradsattel in die Baustellengrube. Aber sonntags um 14 Uhr überlappen sich unsere Leben auf dem staubigen Kunstrasen in der Wrangelstraße, wenn bei einer Niederlage gegen Hellersdorf, Hürtürkel oder Makkabi die Welt untergeht. Fußball könnte nicht schöner sein.

Aus: Berliner Zeitung vom 7. Juni 2008 / EM-Beilage

[ratings]

Getagged mit
 

9 Responses to Der Tanz um den Ball

  1. Jörg sagt:

    Boris.
    Super. Ein Kommentar, wie ich ihn schon lange gerne mal in einer Zeitung gelesen hätte.
    Jetzt steht er zwar auch in einer Zeitung, aber auch bei uns auf der Seite.
    Ehrlich!
    Herrlich!

  2. akgün sagt:

    „….In unserer Mannschaft gibt es elf Türken, einen Argentinier, je einen Polen und Kroaten, einen gebürtigen Indonesier, einen Österreicher und ein paar Deutsche….“
    Ich habe 13-14 Deutsche gezählt, wenn Volkszählung, dann bitte richtig 🙂

  3. christian sagt:

    nach staatsangehörigkeit kann er jedenfalls nicht gezählt haben… das sind doch nie im leben 11 „echte“ türken, die sind doch alle eingebürgert, oder?

  4. eric sagt:

    indonesier – holländer 🙂 aber indonesier hört sich mehr exotischer an, im vergleich mit käsekopf….schön geschrieben boris.
    sonst allet paletti bei hansa?

  5. Mugo sagt:

    Hallo Boris, Ihr werdet es nicht glauben, aber ich habe ausserhalb der Schule noch nie einen Buch gelesen. Schon alleine deshalb nicht, weil es entweder so „alt“ geschrieben war oder mich einfach inhaltlich nicht interessiert hat. Danach habe ich meine nicht ganz so vorhandene Liebe zum Lesen aufgegeben. 🙂 Ich konnte sogar nie verstehen, was die Menschen so toll am lesen finden. Aber seit ich die Texte auf unserer Seite lese, verstehe ich… Beeindruckend Boris! Grüße an die Muddastadt und die Hansawelt

  6. roman sagt:

    hehehe…
    drei kinder

  7. chefchoreograph sagt:

    …cooler Artikel…Wurde gestern sogar @work auf ihn angesprochen.“Sag mal spielst Du etwa in dem Verein mit dem Redakteur von der Berliner Zeitung?“…Hansa hinterlässt so langsam bleibende Spuren…Danke Boris!

  8. roman sagt:

    … so ich habe lange mir mir gerungen, aber nach diesem famosen Bericht und dem dazu gehörigen Outing von Boris, werde auch ich mich outen….
    Ja der sowjetische Hauptsponsor war schick die Trikots auch ganz nett, mir gefiell aber der schwarze Löwe auf orangem Hintergrund noch viel mehr. So sehr, dass ich mir sogar zu Weihnachten ein Trikot gewünscht habe.
    Ich war unschuldige 8 Jahre alt, aber man sollte zu seinen Fehlern stehen auch wenn sie eigentlich schon verjährt sind:
    …1988 war ich Holland- Fan…

    Aber heute und da geht mir mal wieder das Herz auf, wenn ich den Artikel lese. Schlägt mein Herz nur für ein Verein: Hansa 07, Fussball könnte nicht schöner sein. Die einzige Angst die bleibt, ist dass ich aus dieser Parallelwelt manchmal garnicht mehr auftauchen will – hab grade ne Vorlesung verpasst.

    Danke Boris, Danke Hansa

  9. Ben sagt:

    @Boris Wirklich sehr schön geschrieben…und auch das Erfassen und Darlegen der Oberflächlichkeit dieses „Fan“-Patriotismus ist sehr gut gelungen.

    ABER: Der Ben fährt jetzt nach Basel und wird jedes Vorurteil dieses Berichts bestätigen. Bier für fünf Euro vertilgen, Schlaaand brüllen, und den Deutschland-Schal wedeln. 😉
    Ab ins Halbfinale, Jungs!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.