Trotz des nie ernsthaft gefährdeten Prestigesieges über Aufstiegskonkurrent Britz sollten die emotionalen Höhepunkte des Tages weit nach Schlusspfiff erfolgen. Als sich die Trainer Göritz und Engel in einem Abstand von rund einer Stunde aus der „Wrangelritze“ verabschiedeten, erhob sich unter Leitung von Zeremonienmeister Winkler ein stimmgewaltiger Männerchor und begleitete die beiden Übungsleiter in den wohlverdienten Sommerurlaub. Gänsehaut „am schönsten Ort der Welt“.

Überhaupt sollte Winkler, neben Rehwinkel und Krause-Behrendt, eine prägende Figur dieses Tages werden. Erstere sollten mit ihren Prophezeiungen von „Freien Radikalen“ (Winkler) und „Janusköpfigkeit“ (Rehwinkel) die Leitmotive des Tages vorgeben, die auf Seiten von Hansa vor allem Krause-Behrendt auf dem Platz in fußballerische Realitäten zu übersetzen verstand. Aber auch der Gegner aus Britz hatte für Zuschauer und Beteiligte zum Teil arg irritierende Momente parat. So erzielte er nach 11 Minuten radikal überraschend das 0:1. Überraschend war nicht nur der flüssig vorgetragene Angriff über den rechten Flügel, sondern auch die Tatsache, dass der ansonsten doch einigermaßen hölzern wirkende Stürmer es fertigbrachte, den ansonsten umsichtig und konsequent  agierenden Labude und Stürmer zu entwischen und den Ball über die Linie zu bugsieren.

Auch das Wetter wurde nun von der um sich greifenden Radikalität erfasst: Als ob Petrus die Hansa-Mannen mit einer kalten Dusche aus dem Schlaf reißen wollte, schickte er einen gewaltigen Regenguss. Mit Erfolg. In der Folge gelang es der Hansa immer besser, das Spiel zu kontrollieren. Die Ballbesitzstatistik schoss auf Hansa-Seite in die Höhe, der Druck auf das Gästetor nahm zu. In der 38. Minute wusste sich ein Britzer Verteidiger in seiner Not gegenüber der offenbar mit himmlischem Beistand spielenden Hansa nicht mehr anders als mit der Hand zu helfen. Strafstoß. Krause-Behrendt setzte sich in den Diskussionen mit Kapitän Stürmer, an denen sich kurzzeitig auch Jeannest de Gyves beteiligte und die die Zuschauer schon auf eine raffinierte Weiterentwicklung der schnöden Elfmeterkultur hoffen ließen, durch und trat das Spielgerät einigermaßen platziert, aber mit der nötigen Wucht in die Maschen. Dabei war es, nach eigener Aussage, der erste Elfmeter in Krause-Behrendts bewegtem Fußballerleben, den ein Torwart je auch nur berührt hätte. Dies soll an dieser Stelle stellvertretend für die famose Leistung des Gästetorwarts erwähnt werden.

In der Halbzeitpause brachten die Trainer Göritz und Engel Schmidt und Rehwinkel für Stürmer und Jeannes de Gyves, was zu einigen taktischen Umstellungen führte, die keine nennenswerten Auswirkungen auf das Spiel hatten. Die Hansa er- und verspielte weiterhin Chancen en masse, was sich auch nicht änderte, als Homberg in der 65. Minute Winkler ersetzte. Kurz darauf kam es zu einem Freistoß für die Hansa in aussichtsreicher Position, dessen Ausführung sich Krause-Behrendt nun widerspruchslos (Stürmer und Jeannest de Gyves verfolgten das Geschehen mittlerweile von der Bank aus) sicherte. Was nun folgte, ließ sich Krause-Behrendt nach dem Spiel wiederholt von seinen Mitspielern berichten, er selbst hatte keinerlei Erinnerungen an die folgenden Sekunden. Offenbar fremdbestimmt, zirkelte Behrendt den Ball um die Mauer herum, und traf in die rechte Torecke. Wiederum muss eine höhere Macht ins Spielgeschehen eingegriffen haben, wie sonst soll die plötzliche Amnesie bei Krause-Behrendt erklärt werden? Nach dieser entgrenzenden Erfahrung fand sich der Hansa-Spielmacher plötzlich in Jubelpose wieder, was nach eigener Aussage, die zweite Premiere des Vormittags in seinem Fußballerleben darstellte. Sein erster Gedanke: Flucht zum Trainer, zu (wie sollte es anders sein?) Engel.

In der Folge ergaben sich Möglichkeiten auf beiden Seiten. Nach einem unberechtigten Freistoß für Britz zog der Verursacher desselben als zentrales Mauerglied den Kopf ein und handelte mit dieser Kopflosigkeit im völligen Gegensatz zur Rehwinkel’schen Prophezeiung der „Janusköpfigkeit“. Hertel bügelte diesen Verstoß mit einer Glanzparade wieder aus. Anders Krause-Behrendt, dem der Schlusspunkt der Partie vorbehalten war. Immer noch beseelt, aber vielleicht vom göttlichen Beistand etwas verlassen, übersah er den radikal freistehenden Bialon, umspielte mit dem nach ihm benannten Trick 3 Gegenspieler und bescherte dem Gästetorhüter das erste wirkliche Erfolgserlebnis. Dann war Schluss und Zeit für die nächste Janusköpfigkeit. Trotz der hochverdienten Niederlage, feierte der Gegner ausgelassen einen Auswärtssieg. Kopfschütteln im Hansa-Lager.

Beim anschließenden Grillfest überzeugte Kapitän Stürmer mit handwerklichem Geschick, de Jeannest  Yves glänzte als Baguette-Verteiler und André Hoss wurde tatsächlich beim Essen gesichtet. Der verletzte Stohldreier warf  die Idee auf, ob man aus Gründen der politischen Korrektheit in der nächsten Saison in Burkas auflaufen sollte. Dann kam die eingangs beschriebene, von Winkler initiierte Huldigung der Trainer. Und Krause-Behrendt? Als wollte er sich seine Erinnerung am Grill wiedererkämpfen, grillte er Würstchen, grillte Steaks, grillte Kartoffeln, grillte Tofu, grillte Kräuterbaguettes und Kotelettes. Und aß Muffins.

 

 

Aufstellung: Hertel – Winkler (65. Homberg), Stürmer (45. Schmidt), Labude, Littmann – de Jeannest Yves (45. Rehwinkel), Meiser, Krause-Behrendt, Sch. – Hoss, Bialon

Spieler des Spiels : Tim Rehwinkel

 

One Response to Die Janusköpfigkeit der Freien Radikalen

  1. Tim sagt:

    Schöner Bericht!

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