von Marc Nutsch

Kreisliga B: FSV Hansa 07 II – Cimbria Trabzonspor 2:2 (1:1)

Die Rückserie war für die zweite Vertretung der Hansa-Fußballmänner bis dato eine wenig erbauliche Veranstaltung. Gestartet mit fünf Niederlagen, darunter drei gegen Teams aus den ersten Fünf des Tableau, gelang am vergangenen Wochenende endlich der erste Punkt 2017 beim 1:1-Unentschieden gegen den Tabellennachbarn von RW Viktoria Mitte. Doch nun kam mit Cimbria Trabzonspor der Zweitplatzierte der aktuellen Tabelle in die Wrangelritze, um seine Visitenkarte abzugeben. Im Hinspiel hatten die Hanseaten wenig Land und Ball gesehen und waren klar und deutlich besiegt und beladen mit einem 0:4-Gepäck zurück nach Kreuzberg geschickt worden. Und da die hanseatische Punkteausbeute gegen die Topteams der Liga eine Null (in Fett, kursiv und unterstrichen) zu Buche führt, war eigentlich allen Fußballkennern klar, wohin der Vorosterhase an diesem Sonntag laufen würde.

Die Vorraussetzungen für einen Überraschungscoup waren zudem nicht die Besten. Kaputte Körper, die Urlaubszeit, Arbeit, Familienverpflichtungen, ach, es gibt millionen Gründe, warum Amateurfußballer Sonntags nicht beim Spiel ihres Teams sein können. Als Überraschungsgrund des Tages dezimierte ein zu leise klingelnder Wecker, der es einfach nicht schaffte den 12. Mann aus dessen Schlaf zu erlösen, den eh schon dünnen Kader dann auf die Mindestanzahl von elf Mann. Vollständiges Antreten war also gewährleistet. Auswechslungen eher nicht. Nur Sven, der zum Zeitpunkt des Anstoßes noch in roter Badehose und mit roter Boje in der Hand nach David-Hasselhoff-Baywatch-Manier in Treptow-Köpenick seine Rettungsschwimmerausbildung absolvierte, stellte in Aussicht irgendwann im Laufe der zweiten Halbzeit am Platz auf der Bank und wechselbereit sein zu können. Es sei der Dramaturgie vorweggenommen, er kam acht Minuten vor Abpfiff mit dem Rad angedonnert. Trotzdem: Danke, Sven.

So stellte sich das Team von selbst auf und nur die Positionsvergabe oblag dem Trainer. Das Tor hütete Luca. Davor verteidigten Steffen, Jonas, Markus und Archille (v.l.n.r.). Tille und Rafik bildeten die Doppelsechs. Rebaar, Mehdi und Luka (v.l.n.r.) versuchten aus dem Mittelfeld die einzige Sturmspitze, Seyed, in Szene zu setzen und zu unterstützen. Taktisch lautete die Marschroute: kompakt stehen, dem Gegner keinen Raum in der eigenen Hälfte gewähren und nach der Balleroberung Tempo aufnehmen. Ohne Wechselmöglichkeit musste das Team bei sonnendurchfluteten Frühlingstemperaturen ökonomisch mit den eigenen Kräften umgehen. Irgendwie war dann alles knapp. Die Spieleranzahl ja sowieso, aber dann plötzlich auch noch die Zeit. Trainer Nutsch hatte soviel Augenmerk auf den verbalen Motivationsanschub gelegt und das organisatorische Geplänkel drumherum, dass er dabei völlig vergessen hatte, dass er ja auch, mangels Wechselspielern, den Torhüter aufwärmen musste. Bis dies zum Meldezentrum im Kleinhirn durchgedrungen war, ertönte schon fast der grellauffordernde Pfiff des Schiedsrichters: Zum Anstoß bitte!

Hansa war von Anfang an da. Nichts war zu sehen vom tabellarischen und im Hinspiel auch fußballerischen Unterschied der beiden Teams. Die Gastgeber hielten sich sehr diszipliniert an die Vorgabe und gewährten den neuköllner Gästen in deren Hälfte großmütig den Ballbesitz. Kam der Neuköllner über die Mittelliniengrenze nach Kreuzberg, wurds giftig. Das erste Opfer war dann auch gleich der Kapitän der Gäste, wobei es sich bei der Aktion nicht mal um ein Foul handelte, sondern um zweikampfübliche aufeinanderprallende Körper. Für den Spielführer von Cimbria war die Partie aber nach nicht einmal zehn Minuten schon vorbei. Das Knie. Gute Besserung an dieser Stelle und Sorry. Die erste Den-musst-du-doch-machen-Situation hatte dann Mehdi, der einen Ball in den Lauf bekam und das springende Spielgerät in vollem Lauf am herauseilenden Cimbria-Keeper, aber auch am Tor vorbeilegte. Die frühe Führung war dahin, aber die hanseatische Lust auf Fußball begann erst so richtig. In der 15. Minute landete der Ball nach drei schnellen Pässen von rechts kommend links bei Rebaar, der den Ball kontrollieren und noch zwei Schritte in den Sechzehner gehen konnte, um dann mit einem trockenen Abschluss ins lange Eck Jubel zu entfachen. 1-0, Überraschung! Erstes Hansa-Tor für unseren ruhigen, unglaublich zuverlässigen Freund aus Syrien. Hansa hatte alles im Griff. Spiel, Gegner, die eigenen Nerven. Geschicktes Verteidigen ermöglichte immer wieder Ballgewinne und im Offensivspiel wirbelten Mehdi, Seyed, Rebaar und Luka die Cimbria-Abwehr immer wieder gehörig durcheinander. Es fehlte eigentlich nur das zweite Tor. Die Welt war soweit in Ordnung.

Bis in der 32. Minute einer der vielen Diagonalbälle der Gäste Achille beim Versuch der Oberschenkelannahme und -kontrolle durchrutschte und dem Gegner vor die Füße und in den Lauf fiel. Dieser bedankte sich für das Geschenk mit einem ziemlich guten und souveränen Treffer. Wuchtig, flach ins lange Eck. Keine Chance für Luca. Technisch fein gelöst, muss man anerkennen. Da blitzte sie kurz auf, die eigentliche Qualität des Aufstiegsaspiranten.

In der Halbzeit bescheinigte Trainer Nutsch seinen Mannen eine sehr, sehr gute Leistung, die nur auf Grund des individuellen Fehlers mit der Folge Gegentor, eine noch höhere Bewertung verhinderte. Die Stimmung war gut, das Gefühl, auch, weiter machen!

Wir wissen nicht, was Cimbria sich in der Halbzeit ausgedacht hat, aber mit Anpfiff zum zweiten Durchgang präsentierten sich die Gäste wesentlich robuster und angriffslustiger. Sie übernahmen das Kommando und Hansa gelang es nicht mehr in die so stabile Grundformation der ersten Halbzeit zu kommen. Zu weit waren plötzlich die Abstände zwischen Abwehr und Angriff. Das defensive Mittelfeld stand zu tief in der Abwehr (Doppelsechs), während die Offensivreihe zu hoch stehend auf Pässe lauerte. Dazwischen klaffte eine Lücke, die Cimbria nun nutzte. Vor allem gelang es den Gästen nun öfter Tempo am Ball zu entwickeln und nicht mehr nur mit langen Diagonalbällen zu operieren. Eine solche Situation mündete dann in einem Elfmeter für Cimbria. Hansa gelang es einfach nicht einen energischen Vorstoß durchs Zentrum entscheidend zu stören, so dass sich Steffen am Ende nicht anders zu helfen wusste, als seinen Gegner durch festhalten am Torschuss zu hindern. Dieser schrie, fiel, der Schiri pfiff, Steffen monierte gar nicht. Der Strafstoß war dann Formsache – Cimbria hatte das Spiel gedreht (52.). Danach stolperte Hansa angeknockt über das Spielfeld und hatte in den folgenden zehn Minuten Glück, dass Cimbria am heutigen Tag irgendwie nicht so ganz bei der Sache war. Ein Ping-Pong-Ball klatschte an den Pfosten und andere mögliche Toranbahnungen wurden unkonzentriert abgeschlossen oder verspielt.

So blieb Hansa ergebnismäßig im Spiel, fand auch wieder zurück in selbiges, aber ohne wirklich zwingend gefährlich zu werden. Aber das Team kämpfte. Vorallem Mehdi und Seyed wollten sich mit der drohenden Niederlage nicht abfinden und iniziierten immer wieder gute Angriffe. Doch die Uhr tickte erbarmungslos runter. Die Nachspielzeit lief bereits, da eroberte sich Hansa nochmals den Ball. Seyed behauptete ihn 25 Meter vor dem Tor und steckte ihn dann in Lauf des rufenden, gestikulierenden und rennenden Mehdi durch. Mit Ball am Fuß und Gegner direkt auf den Fersen, laufduellierte sich Mehdi in den Sechzehner hinein, am herausstürzenden Torwart vorbei und brachte den Ball aus spitzem Winkel im Fallen auf Tor – DRIN! Ausgleich in der Nachspielzeit! Eine Jubelexplosion. Eine Jubeltraube. Männer am Ende ihrer Kräfte rennen im Vollsprint über das Spielfeld um sich zu umarmen. Fußball, du kannst so schön sein.

Dann war Schluss, aber nicht mit lustig. Hansa hat die Null (in fett, kursiv und unterstrichen) besiegt. Und Hansa hat heute einen Teamgeist entfesselt, den es nun einzufangen, zu behalten und zu bändigen gilt.

»Zusammenkommen ist ein Beginn. Zusammenbleiben ist ein Fortschritt. Zusammenarbeiten ist ein Erfolg.« (Henry Ford)

 

One Response to Ein Lebenszeichen

  1. Steffen sagt:

    Bändigen kann man ihn nicht. 😉

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