Berliner Pilsener Pokal der II.Herren, Qualifikationsrunde
Wrangelritze, Sonntag, 10.08.14, 15:30 Uhr:   FSV Hansa 07 II – FK Srbija II  5:4 n.E. (1:1, 1:1, 0:0)

Autor: Patrick Kohl

Der Planet brannte. Pünktlich um 15:30h zündete die Sonne ihren Turbo. Platzwart Fritz vertrieb noch schnell ein paar Kids von der Baustelle der neuen Hansa-Vision: Neubau Südtribüne für 4.000 Menschen. Sitzplätze, versteht sich, schließlich ist Kreuzberg im Wandel und der Kiez „kommt“. Da es mit der Baugenehmigung nicht so schnell wie gewünscht voran geht, hat Fritz allerdings schon mal ein Auge auf den Bauplatz. Mit dem Zweiten sollte er heute Dinge beobachten, die es in der Ritze selten zu sehen gibt. Dramen, diverse Tänze auf Klingen des Sports, Drahtseilkunst in mehreren Akten.  Aber von vorne.

Bei Temperaturen, die wohl nur Joseph Blatter – unter Freunden liebevoll „ JB Corleone“ genannt – als zumutbar bezeichnen würde, erwartete Hansa Zwo im Berliner Pokal der zweiten Mannschaften einen harten Gegner.
FK Srbija. Klingt nach Ärger. Klingt nach roten Karten. Klingt nach Feuerwerk. Geil.

Der Spielbeginn gestaltete sich für beide Seiten erst einmal angenehm. Leichtes Abtasten. Ruhe reinbringen und auf die Lücke im gegnerischen Abwehrverbund warten. Irgendwann kommt er, der eine Fehler, den Hansa mit seiner Offensive, die mit der Durchschlagskraft einer atomaren Weltmacht zu vergleichen ist, bestraft. Und dann ist nur noch Stille.
Still war es allerdings schon die ersten 20 Minuten, denn das Rumgeschiebe und gelegentliche Ballverlieren versetzte niemanden der 10 nicht zahlenden Zuschauer in Ekstase.
Erste Erkenntnis: FK Srbija. Freundliche Menschen. Wahrscheinlich sehr gutes Essen. Passionierter Fußball. Geil.

Bemerkenswert: Die in jeder Hinsicht solide Schiedsrichterin Alexa Wiechel (Bausparvertrag, Lebensversicherung, Ü-Ei-Figurensammlung) pfiff zur ersten Trinkpause. Vielleicht auch aus Selbstschutz, weil sie ahnte, dass dieser Nachmittag für sie mit unbezahlten Überstunden ausgehen würde.
Halbzeit. Kurze Neuausrichtung, doch im Grunde gab es nicht viel zu korrigieren. Die Abwehr stand, der Sturm lief, die Standards kamen – nur das Tor fehlte noch. Eine Frage der Zeit. Doch das, was an diesem legendären Nachmittag noch folgen sollte, hätten selbst die drei heiligen Fußballgötter (Göritz, Engel, Dogan) nicht vorhergesehen. Es sollte ein Nachmittag werden, wie ihn Ben Fischer noch in 10 Jahren erzählen würde. Aber Ben war nicht da.

Anstoß zweite Hälfte. Hansa besser, aber im gegnerischen Drittel nicht zwingend. Schließlich setzen auch andere Atommächte ihre Waffen nur als Drohung ein, um dann mit Drohnen zuzuschlagen. Blöderweise hat Hansa kein Geld für Drohnen und die Hitze raubte langsam Kraft. Wer schon mal drei Wochen in der Wüste ausgesetzt war, ohne Wasser und ohne Schutz vor der Sonne, von Skorpionen, Schlangen oder Schlangen fressenden Dingos umzingelt – der weiß wie sich das anfühlt. Ich nicht.
Mitte der zweiten Hälfte bekam Srbija plötzlich Oberwasser. Allerdings nicht auf dem Platz, sondern daneben. Zu den 10 Heimfans gesellte sich fast die komplette erste Mannschaft des Gegners. Die Stimmung drohte zu kippen. Roman Emmerling – Hansa-Ehrenkapitän und zukünftiger Hall-of-Famer – erkannte die Situation blitzschnell und zog Konsequenzen. Frau und alle Kinder wurden an die Seitenlinie beordert, sodass wieder Gleichgewicht herrschte.

Während sich auf den Rängen quasi tumultartige Szenen abspielte, Schnitt ein Pfiff durch die stehende Luft im Stadion. Elfmeter für Hansa. Aus dem Nichts. Handspiel. Innerhalb, außerhalb, dies, das. Die strenge Hand Alexa Wiechels zeigte auf den Punkt und ihre Entscheidung war wie ihr Gesamteindruck. Unumstößlich. Proteste verliefen im Sand. Hansa’s etatmäßiger Schütze Behrendt nicht in der Stadt. Wer soll ihn machen? Maxime Jeannest de Gyvest, nach der anstrengenden WM erst eine Woche im Training, nahm die Verantwortung auf sich. Was dann passierte lässt der Interpretation von Sportkommentatoren viel Freiraum. Ein herrlich gechipter Elfer. Butterweich serviert. Tödlich. Eiskalt. Abgezockt. Dreckig.
Wenn der Torwart allerdings stehen bleibt , dann fallen einem diverse andere Adjektive ein. Das netteste davon ist fahrlässig. Der Torwart blieb stehen.

Beide Seiten mussten erste Verluste hinnehmen. Die bis dahin hinten tadel- und vorne glücklosen Ellner und Hoffmann mussten für Rehwinkel für Allinger raus. Und als alles endlich nach drückender Offensiv-Power und erlösender Führung aussah, geschah es:
Das 1:0! Die Ritze bebte. Laute Jubelschreie hallten bis zum angrenzenden Fast-Food Restaurant an der vorderen Straßenecke. Srbija hatte den ersten richtigen Fehler in der Abwehr bzw. des ansonsten gewohnt starken Keepers Hertel genutzt und ging in Führung. Die Welt stand Kopf.

Keine 10 Minuten später hatte Hansa Kapitän Kohl die Chance, diese Welt wieder richtig herum zu drehen.
Elfmeter. Schon wieder.
Die Erwartungen der Zuschauer und Mitspieler an ihren Kapitän waren nicht kleiner als Frieden in den Nahen Osten zu bringen. Anlauf. Schuss. Jubel. Doch irgendwie war dieser Jubel anders. Als Kohl wieder zu sich kam, sah er den Ball aus dem Himmel auf sich zu fliegen. Konnte das sein?
Kein Tor? Schon wieder?
Der Ball prallte mit Wucht an die Latte und von dort ins Feld, Nachschussversuche brachten nichts ein. Die mitgereisten Gästefans feierten.
Fuck. Beschissene 85 Minuten gerannt, den Gegner über weite Strecken beherrscht nur um jetzt – dank fehlender Cleverness vorne und einem Fehler hinten – aus dem Pokal zu fliegen?

Trainer Göritz setzte auf sein letztes Pferd im Stall: Frank Engel. Co-Trainer, Zauberfuß, Fitnesswunder. Und dieses Pferd scharrte schon mit den Hufen.
88. Minute: Freistoß Hansa, keine 20 Meter vor dem gegnerischen Tor. Engel kam, sah und nahm sich den Ball. Zeitzeugen berichten, er hätte kurz vor dem Schuss verschmitzt gegrinst. Als er Anlief hielten alle 30 Zuschauer die Luft an. Wie in Zeitlupe beschrieb der Ball eine kleine Kurve und fiel langsam hinter der Mauer herunter. Absolute Stille. Ein Windhauch. Und dann nur noch Wahnsinn. Der Ball schlägt ein und alle Emotionen brechen aus den Protagonisten dieses Krimis. 1:1. Doch noch. Verdient, aber glücklich. Irgendwie.

Nochmal 30 Minuten. Der Gegner – jetzt fast stehend KO – wehrte nur noch eine Angriffswelle nach der anderen ab. Die Hansa-Kogge hatte Rückenwind und segelte volle Kraft voraus. Die mittlerweile bestimmt (beschönigt) 50 Zuschauer zitterten. Doch alle Kanonenschüsse nützen nichts. Drüber, daneben, diverse Flanken von rechts und links die entweder zur kurz, zu lang oder hinter dem Tor landeten brachten keinen Erfolg. Es kam wie es kommen musste:

Elf Meter, die über Sieg oder Niederlage entscheiden.
Elf Meter trennten 11 Hanseaten vom psychologischen Kollaps für die gesamte Saison oder dem Gefühl, dass es all die Schmerzen wert ist. Jeden verdammten Sonntag.
Elf Meter? Da war doch was? Das sichere Verständnis, Elfer=Tor, war heute in weite Ferne gerückt. Unbehagen machte sich bereit. Die 100 Zuschauer diskutierten, wer schiessen solle.
Allerdings – das hatten inzwischen diverse Scoutberichte unserer Hansaspione sichergestellt – es kam heraus, dass der gegnerische Torwart 1.) ein Feldspieler sei und 2.) sich die kompletten 120 Minuten wohl nicht weiter als in einem 1,5-Meter Radius bewegt hätte.

Engelm, Jeannest de Gyvest (diesmal sicher), Homberg und Labude trafen sicher, während zwei Schützen von Srbija den Ball nicht im Gehäuse unterbringen konnten. Der Rest ist Sportgeschichte.
Was für ein Spiel? Was für ein Hansa-typischer Kick? Keine Bewerbung für die Champions League, aber die Erkenntnis, dass diese Saison erst in den Startlöchern steht und mit Hansa II immer, wirklich immer noch zu rechnen ist! 

 

11 Responses to Eine Geschichte, wie sie sein sollte

  1. Hoffel sagt:

    Super Bericht Patrick! Kleine Amerkung: Franky hat sich selbst eingewechselt und dann den Ausgleich erzielt, noch besser! 😉

  2. Markus sagt:

    schönes Ding! ;D
    guter Auftakt in eine erfolgreiche (Spielberichts-)Saison.

  3. Dobermann sagt:

    Alter…was ein Spaß. Danke!

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