FSV Hansa 07 11er Frauen vs. Union Berlin II

04.05.2016

von Enrico Selk

Womit hatten sie dieses Spiel nicht alles beworben: „die (vor)letzte Chance im Abstiegskampf“, „Spitzenfußball“, „am nächsten Tag frei“ und „Flutlichtatmosphäre“ sollten die Zuschauer zum Nachholspiel der Hansa 11er Frauen gegen Union Berlin II ins Stadion in der Wiener Straße locken. Und in der Tat sollte ein Großteil der Versprechen gegenüber den gut 40-50 Zuschauern eingelöst werden. Nur das Licht wollte nie so richtig passen.

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Die Werbung zeigte Wirkung: knapp 50 Zuschauer wollten sich die spannende Partie nicht entgehen lassen

Tief stand die Sonne beim Anpfiff um 19:30 Uhr. Diejenigen Zuschauer, die noch ein paar letzte Sonnenstrahlen erhaschen wollten, mussten schnell feststellen, dass nur eines ging: entweder Sonne genießen oder das Spiel sehen. Der Autor dieses Artikels wollte beweisen, dass beides möglich war und besetzte den letzten sonnengefluteten Flecken nahe der Eckfahne. Keine allzu schlechte Entscheidung, da sich ein Großteil des Geschehens der ersten Halbzeit genau hier abspielte: auf links, in der Hälfte von Union. Denn Hansa kam sehr gut aus der Kabine, störte früh und lies den Köpenickerinnen kaum Luft zum Atmen. Man wollte aktiv sein und dem Gegner gleich von Beginn an Paroli bieten, so Trainer Kai Weber nach dem Spiel. Die Frauen von Union II hatten damit so ihre Probleme und so gehörte die erste Viertelstunde eindeutig den Hanseatinnen. Der erste Torschuss schon in der 5. Minute. Zunächst blockt Hansas Nr.9 Verena Wunderer unfreiwillig einen Distanzschutz am 16er, legt dann quer auf Natascha Wegelin, deren Schussversuch dann aber zu harmlos gerät – kein Problem für Rosalie Woywod im Tor von Union. Kurz darauf gleich die nächste Chance für die Hanseatinnen, die nach einem Ballverlust von Union einen schnellen Konter über Vivian Dube fahren. Diese legt den Ball am 16er quer auf Sophie Duschl, welche dann leider etwas zu lange braucht, um den Ball zu verwerten und ihn vertändelt. Schade, denn da war eindeutig mehr drin.

Union fand in dieser frühen Phase offensiv kaum statt. Und wenn doch, dann meistens zu ungenau – zum Beispiel in der 7. Minute als Unions Jennifer Ziebruch ihre Schwester Josephine mit einem schönen Pass in die Gasse schickt, der Schiedsrichter jedoch auf Abseits entscheidet. Glück für Hansa, denn Ziebruch wäre klar durch gewesen. Als sich die Zuschauer gerade an einen klassisch hanseatischen Spielverlauf, mit vielen Chancen aber ohne Tore, und dem mulmigen Gefühl, dass man früher oder später bestimmt noch eins kassieren würde, gewöhnt hatten, geschah es dann: Hansa erobert in der 12. Minute im Mittelfeld den Ball, spielt schnell über zwei drei Stationen in die Spitze, wo plötzlich Sophie Duschl frei vor dem Gästetor auftaucht. Duschl fackelt nicht lange, versenkt das Spielgerät unhaltbar rechts im Kasten und krönt damit eine bärenstarke Anfangsviertelstunde der Hanseatinnen, während sich die Abendsonne langsam aber sicher vom letzten Fleckchen Kunstrasen verabschiedet.

Für Union ist das der Weckruf, endlich das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen. Vom Anstoß weg erhöhen die Köpenickerinnen nun den Druck. In der 22. Minute landet ein Querschläger vor den Füßen von Josephine Ziebruch, welche jedoch das Tor deutlich verfehlt. Der darauffolgende Abstoß landet wieder bei den Frauen aus Köpenick, der Ball wird schnell vors Tor gespielt, Hansa bekommt ihn nicht richtig weg und es riecht bereits nach Ausgleich. Doch der Abschluss der Unionerinnen war wieder mal zu ungenau und geht rechts vorbei. Union ist jetzt deutlich am Drücker. Fast im Minutentakt rollt Angriff um Angriff in Richtung Hansa-Tor. In der 24. Minute zieht Jennifer Ziebruch aus ca. 18 Metern einfach mal ab und zwingt Stockbrügger zu ihrer ersten richtigen und starken Parade. Die darauffolgende Ecke ist ebenfalls gefährlich, der Ball wird von Union jedoch knapp neben das Tor gesetzt. Hansa verliert jetzt mehr und mehr den Zugriff auf Spiel und Spielgerät. In der 25. Minute hat erneut die äußerst umtriebige Jennifer Ziebruch die Chance zum Ausgleich, schafft es jedoch nicht, den Ball im Tor der Hanseatinnen unterzubringen. Hansa kommt jetzt nur noch zu sporadischen Entlastungsangriffen. Verena Wunderer spielt in der 27. Minute von rechts Vivian Dube in der Mitte an, die zieht ab, kann aber leider keinen Druck auf den Ball bringen. Keine größere Herausforderung für Woywod. In der 37. dann das Unvermeidbare: eine Unioner Ecke, von Josephine Ziebruch auf den langen Pfosten geschlagen, kann von Lisa Heiseler unbedrängt per Dropkick in die Maschen befördert werden. Keine Chance für Stockbrügger. Der Ausgleich war nicht unverdient, hatte sich Union doch stark in die Partie zurückgekämpft und Hansa deutlich unter Druck gesetzt.

Doch die letzte Chance der ersten Halbzeit gehörte Hansa – und was für eine. Vom Ausgleich nicht nachhaltig beeindruckt erobert Hansa in der 43. Minute in Person von Sophie Duschl im Mittelfeld den Ball und spielt selbigen in den Lauf von Vivian Dube, die plötzlich allein auf den Unioner Kasten zuläuft. Aus dem Off hallt es noch „schiiiiieeeeben“, doch statt den frommen Wunsch des Trainers umzusetzen, zieht Dube einfach ab und der Ball geht knapp rechts am Gehäuse vorbei. Das wär’s gewesen: mit einer Führung in die Halbzeit. Aber so geht eine spannende und intensive erste Halbzeit unter großem Applaus der Zuschauer zu Ende.

Die zweite Halbzeit beginnt mit einer personellen und einerinfrastrukturellen Veränderung: die erkältungsgeschwächte Dube weicht nach einer starken ersten Halbzeit völlig entkräftet der nach langer Verletzungspause zurückkehrenden Julia Glathe und das stark nachlassende Abendrot wird durch das aufflackernde Flutlicht ersetzt.

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Kämpferisch und läuferisch stark: Susa Pracht hier bei einer Freistoßfinte im Zusammenspiel mit Julia Glathe (nicht im Bild)

Hansa kommt enorm druckvoll aus der Kabine und hat in der 50. Minute auch gleich die wahrscheinlich größte Hansa-Chance der zweiten Halbzeit. Ballverlust Union in der gegnerischen Hälfte, schnelles Spiel in die Spitze auf Wunderer, die den Ball auf der rechten Seite in Richtung Union-Tor treibt. Mit ihr machen sich noch zwei weitere Hanseatinnen auf den Weg, so dass es plötzlich drei gegen eins geht. Das Publikum, in freudiger Erwartung der erneuten Führung, peitscht alle drei an. Wunderer legt kurz vor dem Tor und der gegnerischen Verteidigerin quer auf Julia Glathe. Glathe kann sich die Ecke aussuchen und schiebt den Ball gegen die Laufrichtung der Torfrau. Eigentlich alles richtig gemacht, weshalb einigen Zuschauern schon den Torschrei auf den Lippen liegt. Doch dieser endet abrupt, denn leider gerät der Ball zu unplatziert, so dass er durch die Woywod noch pariert werden kann. Das war sie, die Riesenchance, erneut in Führung zu gehen und dem Nichtabstieg einen gehörigen Schritt näher zu kommen.

Aber plötzlich war Union wieder am Drücker. In der 53. Minute verliert Barbara Messow 10 Meter vor dem eigenen 16er den Ball, Union spielt schnell links raus und zieht an der 16er Kante aus halblinker Position ab – knapp rechts am Kasten vorbei. Eine Minute später war es dann jedoch geschehen: mit einem starken Lupfer überspielt Unions Lisa Heiseler die komplette Hansa Abwehrreihe und bedient Jennifer Ziebruch im Zentrum, die diesmal ihre Chance nutzt und unhaltbar halblinks einsetzt – ein äußerst sehenswerter, für die Hanseatinnen jedoch unglücklicher Gegentreffer. Eben noch die Chance, selbst in Führung zu gehen, liegen sie nun mit 1:2 zurück.

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Suchbild 1: finde das Tor

Aber Hansa gab nicht klein bei, schüttelte sich nur kurz und rannte dann wieder unermüdlich gegen das, mehr und mehr in der Dunkelheit verschwindende Gäste-Tor an. (Das Flutlicht verweigerte an dieser Stelle seinen Dienst, weshalb Tor und Torfrau nur in Umrissen erkennbar waren) Besonders über links, wo die eingewechselte Glathe und die läuferisch wie kämpferisch beeindruckende Susa Pracht ordentlich Dampf machten. So war es auch Glathe, die für den nächsten Paukenschlag sorgte und in der 60. Minute aus 25 Metern in halblinker Position einfach mal volley aufs Tor hält. Der Ball, zunächst in einer steilen Flugkurve unterwegs, senkt sich kurz vor dem Tor und steuert zielsicher auf den Winkel zu. (so viel war trotz Lichtmangel noch zu erkennen) Der Hansa-Tross hatte bereits den Torjubel auf den Lippen und erneut war es die starke Woywod, die den Ball im letzten Moment aus dem Winkel kratzte. Stark von beiden!

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Suchbild 2: finde den Ball

Kurz darauf erneut Glathe, in ein Laufduell geschickt und leicht abgedrängt, deren Schuss jedoch leicht abgefälscht links am Tor vorbei geht. In der 68. Minute dann wieder Union mit einem der seltener gewordenen Vorstöße. Jasmin Gehring geht halbrechts in ein 1 gegen 1 mit Messow, setzt sich durch und zieht im 16er ab, doch der Ball geht links an der einlaufenden Mitspielerin und knapp am Pfosten vorbei. Die darauf folgende Unterbrechung sorgt für ein kleines Kuriosum: die bis dahin sehr gut spielende Stockbrügge verlässt den Kasten, tauscht mit Wunderer und wird dann für Maria Spielring ausgewechselt. Fragezeichen in den Gesichtern der Zuschauer. Warum die starke Stock-brügge auswechseln und die noch stärker spielende Wunderer von rechts ins Tor stellen? Was die Zuschauer nicht wussten und erst nach dem Spiel bzw. am nächsten Tag geklärt werden konnte: Stockbrügge hatte sich bereits in der ersten Halbzeit bei einer Faustabwehr das Handgelenk gebrochen, biss aber auf die Zähne und spielte noch bis zur 70. Minute weiter. Respekt vor dieser Leistung und gute Besserung, Meike!

In den letzten 20 Minuten versucht Hansa nochmal alles, um in der Dunkelheit des Platzes nicht die Orientierung zu verlieren und noch einmal vor das Union-Tor zu kommen. Jetzt ausschließlich über links, wo Pracht und Wegelin immer wieder Glathe in Szene setzen. Allerdings gelingt es die Hanseatinnen kaum noch, eindeutige Torchancen oder zwingende Torchancen zu erspielen. Und so verlegen sich die Zuschauer aufs Zittern, Bangen und Rumfrotzeln. Erstes Opfer: der gegnerische Trainer, der dem Schiedsrichter vorwirft eine Dassiehteinblindermitdemkrückstockabseitssituation nur auf Zuruf gepfiffen zu haben. Schallendes Gelächter. Als nächstes kam das Flutlicht dran. „Ist schon interessant, wenn die Tartanbahn vom Flutlicht mehr beleuchtet wird als das Spielfeld.“ Was lediglich mit einem „Flutlicht? Welches Flutlicht?“ quittiert wird. In der 85. Minute geht es dann aber noch einmal um Fußball. Unions Josephine Ziebruch wird im 16er mit dem Rücken zum Tor stehend angespielt und geht unter starker Mithilfe einer Hansa-Spielerin zu Boden. Für ein paar Sekunden ist es still im Hansa-Block. Das ist sie, die Entscheidung. Elfmeter und 1:3 hinten. So oder so ähnlich ging es wohl vielen durch den Kopf. Außer dem Schiedsrichter, der zur Überraschung vieler nicht auf Elfmeter entschied. Glück gehabt.

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Traurig und erschöpft: Hansa direkt nach dem Schlusspfiff

Mit dem Glück war es dann aber auch schon wieder vorbei als knapp 7 Minuten später der Abpfiff ertönt. Niedergeschlagen und abgekämpft sinken einige Hansa-Spielrinnen in der Gewissheit zu Boden, dass sie heute eine wirklich starke Leistung abgeliefert haben, am Ende aber ohne Punkte und ohne den erhofften Anschluss an die Nicht-abstiegszone dastehen. „Mir tut es sehr leid, dass sich das Team für diese, verbandsligareife, gute Leistung nicht belohnen konnte“ entfuhr es dem Coach Kai Weber nach der Partie. Und so bleibt nur die Hoffnung, dass der lang anhaltende Applaus des Publikums die Trauer über den Spielverlauf zumindest etwas lindern konnte.

 

One Response to Flutlicht? Welches Flutlicht?

  1. Alice sagt:

    Rico! Schöner Bericht, danke dafür!

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