3.Spieltag: RFC Liberta – FSV Hansa 07 II  2 : 4 (1 : 1)

Autor: Michael Brunnert

Zwei Spiele, Null Punkte.

So die magere Bilanz des FSV Hansa 07 II vor der Reise zum Auswärtsspiel beim Reinickendorfer Fußball-Club Liberta.

Angekommen am großzügigen Sportgelände des Heimteams aus dem Berliner Nordwesten, wurde die Kommunikation sogleich vom ohrenbetäubenden Lärm der Urlaubsflieger, die am angrenzenden Flughafen Tegel starteten, beträchtlich gestört. Viel zu besprechen gab es sowieso nicht. Erst am Abend zuvor ist die Mannschaft der Einladung des jüngeren der beiden Kohl-Brüder, die keine sind, zu seiner Abschiedsparty gefolgt, um ihm ein beseeltes ‚buon viaggio ed arrividerci, ragazzo!’ hinterherzurufen. J. Kohl, der sein Lebensmotto („Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien“) nun endlich in die Tat umsetzt, wird sich in Kürze ein WG-Zimmer mit dem Ex-Berliner Kevin-Prince Boateng teilen und nebenher seinen Master im „Dolce far niente“ an der renommierten Universita di Calcio in Milano absolvieren. Mach es jut, du Spaßvogel!

Zurück nach Reinickendorf: Nachdem sich das Heimteam selbst eine Stunde vor Anpfiff noch mit der Wahl des Geläufs beschäftigte und somit auch die Hanseaten in der Ungewissheit ließ, ob nun die Copas oder doch der Mundial Team die richtige Schuhwahl sei, begann das Trainerteam Göritz/Engel seine Mannschaft auf den ersten Dreier der Saison einzuschwören. Als Übel der letzten Spiele hatten sie vor allem die mangelnde Kompaktheit im Team ausgemacht. Die Lücke zwischen Abwehr und Angriff hatte es den oppositionellen Teams zuvor zu leicht gemacht das Mittelfeld zu überbrücken und zu Torchancen zu kommen. Der Appell war also folgender: Räume verdichten, bessere Tiefenstaffelung und kontrollierte Offensive anstelle eines zu hohen Pressings. Für die Umsetzung dieser Marschroute schickten die Trainer eine zur Vorwoche leicht veränderte Elf ins Rennen. Der wiedergenesene Möller und Schindler ersetzen Kreischer und Schmidt auf den Außenbahnen der Abwehrkette. Davor feierte Behrendt sein Comeback bei Hansa II an der Seite von Stürmer in der Schaltzentrale des hanseatischen Mittelfeldes, während auf der linken Seite Routinier und Co-Trainer Engel den erkrankten Youngster Weck ersetzte. Im Sturm hatte sich Bialon durch starke Trainingseinheiten seinen Platz neben Hausmann im Sturm erkämpft und verdrängte somit Dauerläufer Hoss auf die Ersatzbank.

Anpfiff: Nun also doch auf Kunstrasen.

Schiedsrichter Thomas Müller sah zunächst ein Spiel, das durch Unsicherheiten und Fehlpässe geprägt war. Beiden Teams war der schlechte Saisonstart mit jeweils zwei Niederlagen zu Beginn deutlich anzumerken. Erst nach einer Viertelstunde entwickelten sich die ersten guten Szenen. Beim Fußballsportverein aus Kreuzberg waren diese vor allem auf der linken Angriffsseite zu finden. Engel, der sein Geburtsdatum vergessen zu haben schien, ließ sich nun immer häufiger von Behrendt in Szene setzen und war von seinem Gegnerspieler kaum noch zu stoppen. In der Sturmspitze war es Bialon, der durch beherztes Einsteigen zu Ballgewinnen kam und auch gleich die erste Ecke herausholte. Endlich ein Standard! Noch im Donnerstagstraining wurde auf das allseits beliebte Abschlussspiel verzichtet und es wurden Spielsituationen mit ruhendem Ball in Theorie und Praxis studiert. Sollte sich der Trainingsfleiß etwa lohnen? Noch nicht. Engel kam nach der Ecke zwar frei im Fünfer an den Ball, anstatt diesen aber ins Tor zu kicken, zielte er auf die saturierten Urlaubsgäste, die im Airbus über ihm wohl gerade das richtige Verhalten bei einer Notladung erklärt bekamen.

Dies alles geschah in einer Phase, in der Hansa zunehmend das Heft des Handels an sich nahm. Die Mannschaft konnte die Wünsche des Trainerteams nach mehr Kompaktheit zusehends besser umsetzen und hatte folgerichtig mehr Spielanteile als der RFC Liberta. Kohl jedoch, also der andere Kohl, der bis dahin fehlerlos in der defensiven Viererkette agierte und auch Pluspunkte in der Spieleröffnung sammeln durfte, verwandelte sich für eine Zehntelsekunde in einen talentlosen Kneipenkicker und passte dem heraneilenden Spieler Prudchenko vom RFC das Leder in den Lauf. Torwart Hertel bäumte sich vor dem gegnerischen Spieler auf, konnte den ersten Schuss blockieren, war aber beim anschließenden Nachschuss-Lupfer machtlos und musste das Runde ins Eckige passieren lassen.

Die Elf Hanseaten ließen sich jedoch nicht aus ihrer mittlerweile zurückgewonnen Sicherheit bringen und nahmen die Aufgabe an, das 1:0 zu egalisieren. Vor allem das zentrale Stellwerk Stürmer/Behrendt konnte seiner ihm zugedachten Rolle als Balleroberer und –verteiler immer besser gerecht werden und übernahm die Oberhand im Mittelfeld. Für den Ausgleich musste aber ein Standard her. Linksfuß Behrendt postierte sich zum Freistoß im rechten Halbfeld und erinnerte sich an die vorwöchentliche Standardschulung. Beide Arme hochgerissen schnippelte er den Ball an den langen Pfosten in eine Höhe, in der Wohl nur tibetanische Sherpas ohne Sauerstoffzufuhr überleben können. Genau hierauf aber lauerte Bialon. Seine Rotoren angeschmissen, schraubte er sich in Richtung der Urlaubsflieger über ihm und bugsierte den Ball mit seinem Schädel zum goldrichtig postierten Sturmpartner Hausmann. Hausmann ließ sich seine Chance nicht nehmen und markierte mit seinem zweiten Saisontreffer den Ausgleich.

Beide Teams kamen unverändert zurück vom Pausentee und das Spiel knüpfte dort an, wo es aufgehört hatte. Hansa bestimmte Tempo und Rhythmus des Geschehens auf dem artifiziellen Rasen der Firma Polytan. Nach einem zunächst blockierten Angriff der Wrangel-Kicker kam Behrendt in der 61. Minute rund 20 Meter vor dem Tor an den Ball. Hier avancierte er zu einem Hütchen-Spieler, der sein Fach versteht. Drei Täuschungsmanöver in Folge stellten eine zu Hohe Anforderung an die Aufnahmefähigkeit der gegnerischen Abwehr dar. Als Behrendt nämlich das entscheidende Hütchen lüftete, befand sich die Kugel schon im Strafraum des Heimteams. Hier behielt der hanseatische Mittfeldspieler die Übersicht und servierte Hausmann maßgenau den Ball. Dieser bedankte sich mit dem Führungstreffer für die Schwarz-Weiß-Gelben und ritzte die zweite Kerbe des Tages in seinen Colt.

Mit dem 2:1 beruhigten sich auch die Nerven auf der Trainerbank und bei den mitgereisten Fans (2 waren’s). Zu überlegen gestaltete sich nun die Spielweise der Kreuzberger, als dass noch Zweifel am ersten drei-Punkte Erfolg des FSV berechtigt gewesen wären. Mit einem Freistoß aus dem rechten Halbfeld in der 68. Minute sollte der Sieg dann endgültig besiegelt werden. Doch das Gegenteil war der Fall. Behrendt und Bialon konnten ihren feinen Trick nicht wiederholen. Die Abwehr des RFC fing hingegen den zu schwach getretenen Freistoß per Kopfball ab und leitete damit gleich den Konter ein. Ein Reinickendorfer schnappte sich nämlich die Kugel und sprintete mit dieser Richtung Hertel. Winkler, der im Zweikampf an der Mittellinie Schlimmeres verhindern wollte, kam einen Schritt zu spät und verzichtete auf ein taktisches Foul zugunsten des Fair-Play-Gedankens. Sekunden tauchte der gegnerische Spieler dann im Strafraum des FSV Hansa 07 auf, schaute hoch und bediente Teamkameraden Gundelach. Dieser belohnte sich selbst mit dem Ausgleichstreffer für seine sehr gute Leistung.

„Ich dachte, jetzt verlieren wir das Ding hier wieder“. So gaben einige Spieler nach Abpfiff ihre Gedanken nach dem 2:2 preis. Bialon jedoch ließ sich in der 77. Minute scheinbar das Gegenteil durch den Kopf gehen. Auf der rechten Seite sprintete er einem schon verloren geglaubten Ball hinterher, schüttelte zwei Gegenspieler ab und flankte scharf an den Elfmeterpunkt des gegnerischen Strafraums. Hier bewies Hausmann seine Qualitäten als Vorbereiter. Mit dem rechten Fuß vermochte er es den halbhohen Ball zu kontrollieren, um ihn dann mit dem linken Fuß auf den nachgerückten Engel weiterzuleiten. Dieser macht diesmal alles richtig und versenkte mit eingesprungenem Volleyschuss zur erneuten Führung des FSV. Der Bann war gebrochen und der Gegner aus Reinickendorf verzweifelte fortan an der stabilen Hansa-Abwehr und dem dicht gestaffelten Mittelfeld. Der aufgestaute Frust der Libertaner entlud sich nun immer häufiger in Nickeligkeiten. Abwehrmann Möller bekam dies in Form von Nachtreten zu spüren. Der Verursacher wurde mit Rot unter die Dusche geschickt.

Minuten vor Schluss wurde Hansas Überlegenheit noch einmal in Zählbares umgemünzt. Hausmann verlagerte das Spiel geschickt auf die rechte Seite, wo Winkler sich den Ball schnappte und auf den gegnerischen Torwart zusteuerte. In abgeklärter Manier bugsierten dieser dann den runden Freudenspender ins lange Eck, um danach jubelnd abzudrehen und den Endstand mit seinen Teamkameraden zu feiern.

Trainer Göritz kann also nach der Westberliner D-Jugend Meisterschaft des Jahres 1974 erneut ein positives Erlebnis auf dem Sportgelände in der Scharnweberstraße feiern.

Dementsprechend zeigten sich Göritz und Engel zufrieden mit einem Spiel, in dem Hansa neben taktischer Disziplin vor allem auch Siegeswille und Torgefahr in die Waagschale werfen konnte. Mit dieser Einstellung scheint auch ein Punktgewinn im kommenden Heimspiel gegen die ebenfalls mit drei Punkten aus drei Spielen gestartete grünweiße SG Baumschulenweg nicht unmöglich.

Aufstellung:
Hertel, Schindler – Labude – P. Kohl – Möller, Engel (78.min Brunnert) – Behrendt (88.min Hoss) – Stürmer – Winkler, Bialon – Hausmann

Tore:   1:0 Prudchenko (21.), 1:1 Hausmann (35. Bialon), 1:2 Hausmann (61. Behrendt), 2:2 Gundelach (68.), 2:3 Engel (78. Hausmann), 2:4 Winkler (85. Hausmann)

Spieler des Spiels:
Marius Hausmann. Mit zwei Treffern den Weg zum Sieg geebnet. Mit zwei Assists bewiesen, dass er auch das Auge für den besser postierten Mitspieler hat. Hut ab!

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3 Responses to Helikopter Bialon trotzt dem Fluglärm und grüßt aus luftiger Höhe

  1. Hoffel sagt:

    Glückwunsch zum ersten Saisonsieg Jungs! Super Sache. Auch der Spielbericht ist prima, manchmal brilliant („…und ritzte die zweite Kerbe des Tages in seinen Colt.“), manchmal etwas überzogen („…Lücke zwischen Abwehr und Angriff hatte es den oppositionellen Teams zuvor zu leicht gemacht“). Auf beiden Ebenen gilt: gut gemacht, dranbleiben! 😀

  2. Kai sagt:

    Glückwunsch Jungs! Weiter so! Klasse Bericht, eine Frage – geht Jonas K. jetzt vllt nach Gelsenkirchen? 🙂 Liebe Grüße!

  3. Laszlo sagt:

    hoffenheimer verhältnisse! zwei auswärtsfans. da muss mehr gehen hansa. sehr schöner bericht. die passage mit dem colt wird sich länger einbrennen.

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