Für Harald „Halla“ Tolksdorf

von Hermann Kalteis

Am Heinrichplatz, oben im 1. Stock, brennt kein Licht mehr. Wenn ich jetzt abends bei dir vorbeigehe, lieber Halla, bleibt es in deinem Fenster dunkel. Und es flackert auch kein Fernsehlicht mehr. Dieses Fernsehlicht, bei dem ich immer wilde Vermutungen angestellt hab, welches Fußballspiel du dir grade anschaust, wie es da jetzt wohl steht und ob ich nicht einfach zu dir raufkommen und mitschauen soll. Wie damals in der AdalbertWG, wo wir so viele Jahre zusammengewohnt und uns unzählige Fußballspiele angeschaut haben. Oft schweigend, weil wir dazu viel Rotwein nippten und Kelle um Kelle von deinem berühmten Linseneintopf in uns reinstopften; oft aber auch hitzig diskutierend, weil jeder von uns einen anderen Lieblingsverein hatte, dem er seit der Kindheit die Treue hielt. Nachdem Werderfan Ulle die AdalbertWG verlassen hat, hat Rudi die grüne Fahne hochgehalten. Ich kam sozusagen als Auswechselspieler in die WG. Ein Bayernfan, ausgerechnet! Du aber, Halla, ein Ostwestfale aus Bünde, warst nicht nur BVB-Fan durch und durch, du warst auch der beste Fußballkenner weit und breit. Du wusstest einfach alles.

Der große französische Autor und Philosoph Albert Camus hat über unseren Lieblingssport einmal gesagt: »Alles, was ich über Moral und Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball. Schon als Kind habe ich begriffen, dass der Ball nie so auf einen zukommt, wie man es erwartet. Das war eine Lektion fürs Leben.«

Die vielen Wege, die dein Leben genommen hat, lieber Halla, die hast du alle mit dieser frühen Lektion im Gepäck beschritten. Als Spieler und Trainer warst du immer der Erste, der zu Fairness und Sportsgeist aufgerufen hat. Als Mensch ging es dir dein Leben lang um Gerechtigkeit. Um Gerechtigkeit für die Unterdrückten dieser Welt, für die, die benachteiligt werden und wenig Rechte haben, um Hilfe für die, die ausgegrenzt und allein gelassen werden. Solidarität zeigen, das war für Dich stets moralische Verpflichtung.

Als in Rostock-Lichtenhagen ein Asylbewerberheim brannte und deine Freunde und Mitspieler auf Berliner Fußballplätzen angepöbelt und bedroht wurden, weil sie aus anderen Ethnien stammten, hast Du mit Deiner Babs sofort eine Aktion ins Leben gerufen: „CATENACCIO GEGEN RASSISTEN“. Nichts hätte den Geist von Hansa heller leuchten lassen können. Diese Parole wurde sofort auf die Trikots von Hansa 07 gedruckt und manch wiedervereinigter Gegner musste damals sehen, ob er in der Wrangelritze oder bei Auswärtsspielen mit seiner Gesinnung durchkommt. Plötzlich ging es nicht mehr nur darum, dass 22 Männer einem Ball hinterher jagen sondern darum, Flagge zu zeigen. Dein Verein, die FSV Hansa 07 Berlin, steht für Integration und soziales Miteinander. Das sollten die, die anders dachten, auf unserer Brust groß und deutlich zu lesen bekommen. Sich einsetzen für andere, eine Haltung haben, Humanität und Charakter zeigen.. das alles, lieber Halla, bleibt Dein sportliches und persönliches Erbe.

Ich wünschte, ich hätte Dir das alles noch zu Lebzeiten gesagt und Dir für alles gedankt, aber ich habe es leider nicht. Also tue ich es jetzt, in der Hoffnung, dass du von irgendwoher zuhörst. Ich danke Dir für die tolle Freundschaft, die du uns allen geschenkt hast. Ich sage Danke, weil du mich damals, wie so viele andere auch, in deine Wohnung und unsere große Hansafamilie aufgenommen hast. Ich danke Dir dafür, dass du in schweren Zeiten oft wie ein älterer Bruder für mich warst und mich mit deiner Geselligkeit und deinem trockenen Humor angesteckt hast. Selbst bei meinem letzten Krankenhausbesuch, als es dir so furchtbar schlecht ging. Als du schließlich an jenem frühen Sonntagmorgen im Januar von uns gegangen bist, habe ich mir einfach vorgestellt, dass du in deinem letzten Zimmer friedlich und ohne Schmerzen eingeschlafen bist. Selbstbestimmt, ohne großes Aufsehen, mit einem erlösten Lächeln auf den Lippen. Es half nicht gegen die Trauer und den Schmerz, aber es war ein letzter Trost.

Da, wo du jetzt bist, lieber Halla, geht es dir bestimmt besser. Im Jenseits gibt es keinen Krebs. Im Jenseits wird mit großer Sicherheit eine ruhigere Kugel geschoben. Im Jenseits kickst du vermutlich mit George Best in einem Team, mit Sócrates, Stan Libuda und Lothar Emmerich. Im Jenseits jammst du abends mit Janni Engel, Rio Reiser, Bob Marley und Hermann Brood. Und unterhältst dich nachts am Tresen mit Camus über Fußball und das Leben nach dem Tod. Am Heinrichplatz im 1. Stock brennt kein Licht mehr. Und in der Taqueria bleibt dein Platz von nun an leer. Doch eins versprech ich Dir, geliebter Freund: in meinem Herzen und den Herzen vieler Menschen, die dich gekannt haben, brennt dein Licht auf ewig weiter. Und dein Platz bei Hansa 07 bleibt der HallerEhrenvollste!

Mach`s gut, alter Kumpel! You`ll never walk alone. Oder wie es bei uns heißt: Freundschaft hin, Freundschaft her, HAL-LER!

Harald Tolksdorf
(10. 6. 1954 – 12. 1. 2014)

 

Die Trauerfeier findet am 21. Februar 2014 um 11.45 Uhr auf dem Alten St. Matthäus Friedhof in Berlin Schöneberg, Großgörschenstr. 12, statt. (S-Bhf. Großgörschennstr., U-Bhf. Yorckstr.)

Im Anschluss (ab ca. 14/15h) findet in der Gaststätte Wiener Blut, Wiener Str. 14 in Kreuzberg 36, eine gemeinsame Gedenkfeier statt. Dort wollen wir unserem geliebten Freund und Wegbegleiter Halla die letzte Kreuzberger Ehre erweisen und uns gemeinsam an ihn erinnern.

Anstatt Blumen bitte eine Spende an:
Hoffnungstaler Stiftung Lobetal, Lazarus Hospiz „Harald Tolksdorf“
Bank für Gemeinwirtschaft BLZ 100 205 00, Spendenkonto 5050

 

17 Responses to In Gedenken an einen großartigen Freund

  1. Martina Niebuhr sagt:

    hat mir sehr gefallen, hilft ein wenig über die Traurigkeit hinweg. Danke!!
    Martina

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