Letzter Spieltag, 16. Juni 2013 – FSV Hansa 07 – Blau-Weiss Spandau  14:0 (7:0)

Autorin: Alice Drouin

Sonntag früh in Kreuzberg. Pfandsammler streifen durch die Gegend, Vögel zwitschern, ein Trabant-Corso voller holländischen und südbadischen Touristen schlängelt sich durch die Skalitzer Straße.

Vor mir auf der U-Bahnbank pennt ein junger Mann, unter einigen empörenden und manchen amüsierten Blicken der anderen Fahrgäste, konsequent die ganze Linie durch, bis er plötzlich am Schlesischen Tor aufwacht (wahrscheinlich dank der frischen hanseatischen Luft, die in diesem Kiez ihre Duft ausbreitet) und entscheidet, dass es Zeit für ein Frühstücksbier am Spreeufer ist. Ich überlege kurz, ob ich mich ihm anschließe, jedoch wird das Spiel der 11er-Frauen der FSV Hansa 07 in kürze angepfiffen, also biege ich vernünftig doch links am Ausgang ab.

An solchem idealen, normalen Kreuzberger Tag werden eigentlich Kinder getauft und Saisonabschlüsse gefeiert. Und genau das passierte auch an diesem Sonntag in der Wrangelritze. In Zahlen lässt sich das Ganze so zusammenfassen: Drei Heimspiele, 23 Tore für die Heimteams (davon 14 im ersten Spiel des Tages), nur 6 Gegentore (davon 0 im ersten Spiel des Tages). Dies ist die Geschichte einer inszenierten Normalität.

Manche Spezialisten würden behaupten, es sei ein perfektes Fußballwetter. Die Aussage kann man eigentlich an diesem Sonntag nur zustimmen. Nicht nur der Himmel, sondern auch das Hansafrauenteam ist sehr gut aufgestellt, besonders auf der Bank. Dort nehmen nicht nur die drei Auswechselspielerinnen um Trainer Wegerhoff, sondern auch Dube, Schiffler, Ahlrichs, Agbeyegbe, Aerts, Drouin, Winterstein sowie Wittenburg und Wittenburg Jr. Platz. Dagegen kann Spandau kaum mithalten, und muss leider nur mit 10 Spielerinnen antreten. Doch Hansa nimmt die Sache nicht auf die leichte Schulter und zeigt sich sofort nach Anpfiff konzentriert, gut sortiert und spielbestimmend. Nur an die Chancenverwertung lässt es sich noch arbeiten.

Nach zehn Minuten und mehreren guten Spielbewegungen über die Außenseiten öffnet sich das Fass. Barnes läuft an der nicht wachwirkenden Spandauer Abwehr vorbei und schiebt den Ball ganz ruhig ins Tor zum 1:0. Gleich im Anschluss erfolgt eine Situation, die für viele Diskussionen in den internationalen und europäischen Fußballbehörden sorgen sollte (sofern sie ab und zu nach Kreuzberg 36 schauen, bestimmt tun sie es) und die Debatte um den Videobeweis wieder ganz hoch in den Schlagzeilen bringen sollte: Schneller Einwurf von Schneider auf Wegelin, die den Ball auf die Grundlinie in ihrem typischen Reus-Style schnell und sicher führt und auf Schuster passt, deren Schuss an die Unterkantelatte prallt. Der Ball springt auf (?) die Torlinie und wieder an die Unterkantelatte und dann wieder auf die Torlinie. Die Zuschauerbank wird laut und fordert den Rücktritt von Platini, Blatter & Co. Der Schiedsrichter lässt sich nicht davon ablenken. Hansa anscheinend auch nicht, denn in den nächsten Minuten fallen die Tore so dicht wie die Steine auf grün-weißen Wagen am 1. Mai.

In der 13. Minute erläuft Barnes nach einem perfekten Abschlag der Torfrau Keese den Ball und schickt Pek zum 2:0 Führung. Diese bedankt sich 5 Minuten später für die gute Vorarbeit und schickt diesmal Barnes selber nach guter Balleroberung im Mittelfeld zum 3:0 trotz letztem Stoppversuch der Spandauer Abwehr. Der Jubel ist groß in der Gegengerade, denn dort befindet sich heute die Pfaffenhofener Kurve, ein Dutzend erstaunlich blonden Oberbayerinnen, die ihr vertrautes Duo anfeuern. Doch die Deluxe-Bank auf der anderen Seite hat auch gleich wieder ein Grund, lauter zu werden, und zwar das erste Saisontor von Lindner, die somit eine starke erste Saison bei den Schwarzgelben krönt. Weil der Trainer keine Lust hat, die Statistiken zu sehr zu aktualisieren, die er für den Saisonabschluss nach dem Spiel vorbereitet hat (und fürchtet, dass Blau-Weiß zur zweiten Halbzeit vielleicht nicht antreten wird), wechselt er Lindner kurz vor der Halbzeit unter großem Anerkennungsjubel aus. Während der Trainer sich dieses überlegt, spielt Hansa einfach weiter und schießt weitere Tore.

Von dem Kampfgeist, der die Gäste im Hinspiel gezeigt hatten, ist heute nichts zu sehen. Die gute Hansa-Leistung sollte allerdings nicht minimiert werden. Nicht zuletzt die Abwehr präsentiert sich konzentriert und lässt mit guten Absprachen den wenigen offensiven Versuchen von Blau-Weiß keine Chance. Die Tore fallen weiter: Pracht von links ins lange Ecke, wieder Barnes und anschließend Schuster erhöhen das Ergebnis auf 7:0. Neben Messow für Lindner wird in der ersten Halbzeit auch Nase für Barnes eingewechselt – sowie später in der doch stattfindenden zweiten Halbzeit Sypaseuth für Schuster. Jede darf an dem Feuerwerk teilhaben.

Während dessen wird am Rand eifrig diskutiert.

– Warum schmeckt Kaffee am Besten, wenn man verkatert ist?

– Hat der Trainer nicht etwa eine neue Hose?

– Wie wird eigentlich „c/krass“ geschrieben?

– Und wie ist die Aufnahme des Teamfotos zur neuen Saison gestern gelaufen?

Trainer Wegerhoff lässt sich eigentlich selten vom Spiel ablenken, spricht man jedoch SEIN Thema an, würdigt er der gesprächslustigen Bank eines Blickes und erzählt begeistert von der erfolgreichen Fotosession und von der unglaublich realistisch „inszenierten Normalität“, die mit seinem Motiv entstehen konnte. So hört sich also ein Künstlerzitat an, sehr schön – beinahe fühlt man sich wie auf einer Neuköllner Vernissage in einem gentrifizierten Keller des Gräfekiezes, zum Glück ist es aber nur Fußball, und zum Glück kommt Winterstein in einer sehr schönen kollektiven Bewegung mit der nächsten Kaffeerunde in der kleinen Tiefphase des Spiels zurück. Inszenierte Normalität also. Aha. Es kann weitergehen.

Und sowie am Tag zuvor in den Räumlichkeiten des „Hotel Bogota“ agiert das Team eingespielt und effizient nach der Pause weiter. An der Stelle ein Danke schön an Blau-Weiß für ein faires Antreten zur zweiten Halbzeit.

Die Stichwörter im zweiten Teil des Spiels: Elan, 100-Marke und auch Kopfballtore – ein schönes Erkenntnis für die Trainingsbemühungen des Trainergespanns in dieser Richtung. Pek (2x, Flanken Wegelin (8:0) und Behre (12:0)) sowie Sypaseuth (11:0, Flanke Wegelin) und Nase (13:0) lassen dem mittlerweile reichlich erschienen Publikum ihre guten Timing und  Sprungkoordination bewundern. Bevor dieses Kopfballwunder geschieht, schießt noch Pracht das 9:0.

Und wie es immer ist, wenn einen alles so schön anlächelt: Hansa hat auch das klein bisschen Glück, das die erfolgreichen Teams immer haben, und so reagiert Schuster hellwach auf die überraschende Vorlage einer Gegenspielerin im Strafraum und schießt mit dem Außenriss in den Innenpfosten das 10:0. Dieses Tor ist auch das Hundertste in dieser Saison, eine hervorragende Offensivleistung der Hanseatinnen.

Die Zuschauerbank bleibt ihrerseits auch kreativ und erstellt das REHAnsa – Konzept, das aus einem Team für alle Verletzten unter uns bestehen sollte. Ich melde mich sofort an – ob das mit dem Amt als Linienrichterin vereinbar ist, weiß ich noch nicht. Schließlich geht es darum, dass man nicht vergisst, wie Fußball geht. Für einen kurzen Moment scheint die Torhüterin von Blau-Weiß von einem solchen Amnesie-Anfall getroffen zu sein und nimmt in der 89. Spielminute einen Rückpass auf. Den anschließenden indirekten Freistoß für Hansa im Fünfmeterraum verwandelt la Capitana eiskalt, ignoriert dabei völlig die auf der Torlinie versammelten Spandauer Spielerinnen und schießt über diese das Tor zum 14:0.

Abpfiff. 14:0. Krass! Ob der U-Bahnschläfer das wohl vorgeträumt hat?

 

Tore: 1:0 Barnes (10.), 2:0 Pek  (13.), 3:0 Barnes (18.), 4:0 Lindner (22.), 5:0 Pracht (27.), 6: 0 Barnes (28.), 7:0 Schuster (35.), 8:0 Pek (48.), 9:0 Pracht (55.), 10:0 Schuster (58.), 11:0 Sypaseuth (61.), 12:0 Pek (73.), 13:0 Nase (78.), 14:0 Behre (89.)

Besonderheiten des Spiels: Das Team erzielt im letzten Ligaspiel den höchsten Sieg eines Frauenteams in der Vereinsgeschichte und beendet mit dem zweitbesten Torverhältnis der Liga die Saison auf Platz 4. Gratulation von den Trainer ans Team!

Aufstellung: Keese, Duschl, Behre, Kaapcke, Schneider, Lindner (Messow), Pracht, Schuster (Sypaseuth), Pek, Wegelin, Barnes (Nase)

 

3 Responses to Inszenierte Normalität

  1. kwbr sagt:

    Schön, hätte ich gerne gesehen. Glückwunsch!

  2. presidente sagt:

    schöner text, schönes foto, schönes ergebnis!

  3. Daniela sagt:

    Wasn Ergebnis, wasn Bericht. Ich verneige mich, bis mein Scheitel den Rasen berührt.

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