28.04.13, FSV Hansa 07 II – FC Brandenburg 03 II, 3:1
(Autor: Michael Brunnert)

Hansa, die schöne Hansa. Sie agiert in ihren besten Tagen wie eine Ballerina. Geschickt kombiniert sie dann Kraft und Stärke mit Anmut und Grazie. So vermochte sie in der Vergangenheit häufig ihre Gegner durch konsequente Zweikampf-Führung, gepaart mit schwungvoller und präziser Technik zu überraschen. Nicht umsonst tanzte man sich in dieser Saison bereits in das Achtelfinale des Berlin-Pokals, wo erst der grobe Macho BFC Dynamo die Tagträume der Tänzerin zerschmetterte.

Ganz anders in den letzten Begegnungen: Nach fünf Niederlagen in Folge, davon vier innerhalb von zwei kraftraubenden englischen Wochen, entpuppte sich die schöne Hansa als verbitterte alte Greisin. Im Bewusstsein ihres früheren Könnens und ihrer früheren Schönheit, stiegen Selbsthass und Zweifel im alten Körper auf und erlahmten Kopf und Glieder. Die Trauer über die verlorene Selbstsicherheit und die Angst der aufkeimenden Befürchtung, man könne nicht einmal mehr seinen eigenen Ansprüchen gerecht werden, verdichteten sich im freitäglichen Abschlusstraninig zu einer schier unerträglichen Spannung. Hier entluden sich bereits einige Funken; richtig zu blitzen begann es aber erst in der anschließenden Krisensitzung der Mannschaft. Doch, wenn auch hier Phrase über Stil siegt, dieses Gewitter wirkte reinigend: Man verabschiedete sich schließlich in die Kreuzberger Nacht mit dem Versprechen, sich am Sonntag auf die alten Reize zu konzentrieren und der geschundenen Seele eine Chance zu geben um sich frei zu spielen.

Um 15.30 Uhr war es dann so weit. Schiedsrichter Gholam-Reza Sorkhi von Besiktas Berlin lud mit seinem Pfiff die zweiten Herren vom FC Brandenburg 03 und des FSV Hansa 07 zum Tanztheater. Bei den Schwarz-Gelben war diesmal wieder Primaballerina Bußmann mit von der Partie. Der Mittelfeldmotor folgte den Anweisungen des Trainerteams Göritz/Fischer und reihte sich neben Dauerläufer Hoss als zweiter Stürmer ein. Taktisch bedeutete dies die Abkehr vom 4-5-1 hin zum 4-4-2. Personell galt folgendes: Tucic rückte auf die Doppelsechs neben Urgestein Meiser. Brunnert rotierte auf die Bank. Auf der linken Offensivseite gab der technik-affine Schulte nach langwieriger Knorpelverletzung im Knie sein Comeback in der Startelf und sollte dort seine gefürchteten Haken schlagen. Kapitän Schumann wechselte in Folge dessen auf die rechte Angriffsseite und komplettierte die Flügelzange. Schüle, der am Mittwoch noch für Offensiv-Akzente sorgte, war nicht im Kader. In der Abwehr fanden sich Kohl und Hoffman als Hauptverantwortliche für die Toreverhinderung im Zentrum wieder, während Möller und Bublak als Außenverteidiger aufliefen. Hertel, mit einem Sonderlob für seine sportliche Entwicklung vom Trainerteam ausgestattet, stellte sich zu Spielbeginn zwischen die Balken. Neben Brunnert waren als Reservisten noch Rehwinkel, Labude und Engel mit von der Partie.

In der ersten Halbzeit entwickelte sich schnell ein gutklassiges Kreisliga-B Spiel. Im FC Brandenburg schien Hansa einen spielerisch gleichwertigen Gegner gefunden zu haben. Folgerichtig war das Spiel auf beiden Seiten durch ansehnliche Ballstafetten geprägt. Mit einem Kämpferherz ausgestattet, arbeitete und kombinierte sich Kapitän Schuhmann ein um’s andere Mal in die gegnerische Hälfte. So auch in der 32. Minute. Schuhmanns lange, präzise Flanke von der rechten Eckfahne erreichte Schulte genau am Fünfmeter-Raum. Schulte reagierte richtig: Anstatt den Ball Volley zu dreschen, legte er dem nachgerückten Tucic den Ball vor den Fuß. Leider vor den falschen. So passierte Tucic Rechtsschuss knapp das gegnerische Tor. Auf der Gegenseite zündelten die Brandenburger vor allem mit klugen Steilpässen auf ihre schnellen Stürmer Brandherde in den hanseatischen Strafraum. Die Löschtruppe Kohl/Hoffmann machte ihren Job aber tadellos und erstickte die Gefahr meist im Keim. Falls sich doch mal ein gegnerischer Stürmer durchmogelte, entschied der ansonsten sehr umsichtig agierende Referee Sorkhi im Zweifel auf Abseits. Mit einem leistungsgerechten 0-0 verabschiedeten sich die beiden Teams von einer kurzweiligen aber ereignisarmen Hälfte und begaben sich zum Pausentee.

Dieser schien zu wirken. So vermochten die Mannschaften in der zweiten Halbzeit das Tempo weiter zu erhöhen und die Lederkugel noch schneller über das artifizielle Geläuf zu jagen. Wie zum Beispiel in der 65. Minute: Schwarz-Gelb eroberte nach gegnerischem Einwurf den Ball im Mittelfeld. Tucic erspähte den davoneilenden Außenverteidiger Möller auf der linken Seite und serviert ihm den Ball in den Lauf. Dieser bedankt sich mit einen flachen Hereingabe und Bußmann musste nur noch den Fuß hinhalten. 1-0 Hansa! Die Ballerina hatte soeben ihre Attitude wiederentdeckt.

Der Torerfolg zog einen Wechsel nach sich: Der sich aufopfernde Kapitän Schuhmann verließ den Dampfer für Engel und übergab Insignien und Position an Bublak. Auf Bublaks rechter Abwehrseite verteidigte fortan Möller. Seine vakante Position schnappte sich Schulte und so konnte der eingewechselte Engel seine Fertigkeiten auf der linken Offensivseite umsetzen. Die Hanseaten schienen verwirrt. So nutzten die Gegner diese Unkonzentriertheit, um im Gegenzug nach einem zweifelhaften Freistoß auszugleichen. Doch Hansa war nicht geschockt. Anmut und Grazie waren wieder spürbar. Vor allem bei der Aktion, die zum 2:1 führte. Das Sturmpärchen Hoss und Bußmann kombinierte sich im Dreiviertel-Takt durch die gegnerische Abwehr. Bußmann verzauberte mit einem Hüftschwung, der selbst Elvis-the-Pelvis beeindrucken würde, seinen Gegenspieler und zog trocken aus 16 Metern ab. Tor!

Für die Schlussviertelstunde verstärkten die Trainer Göritz und Fischer die Defensive. Brunnert kam für Hoss und Labude ersetzte Meiser. Mit der Erfahrung einer alten Greisin verwaltete Hansa fortan ihre Führung und konnte immer wieder Nadelstiche setzen. Doch viele Konter versandeten vor dem gegnerischen Tor. Nur einmal konnte Hansa sich noch durchsetzten und Bublak krönte seine starke Leistung durch ein Tor (85.). Neben Bublak und dem Doppeltorschützen Bußmann verdiente sich vor allem Hoffmann mit einer konzentrierten Abwehrleistung Bestnoten bei den Hanseaten.

Nach dem Schlusspfiff blieb die simple Erkenntnis, dass vor allem mannschaftliche Geschlossenheit, Ruhe und Beharrlichkeit die Schlüssel zum Erfolg gegen einen spielerisch starken Gegner waren. Auf der Basis dieser Grundtugenden spürte Hansa phasenweise, dass sie doch noch nicht so alt ist, wie sie sich in den letzten Wochen fühlte.

Am kommenden Wochenende soll dieser Trend untermauert werden. Ein wahrlich schwieriges Unterfangen, reist man am Sonntag doch nach Köpenick, wo der TSV Eiche auf Hansa 07 wartet. Eben jene Köpenicker haben die Truppe aus Kreuzberg schon im Hinspiel mit ihrer Antithese zum modernen Fußball arg in Verlegenheit gebracht und 3 Punkte von der Wrangelritze entführt. Am Ufer der Müggelspree bittet man zudem auf Naturrasen zum Tanz. Ein Geläuf, das einigen Hanseaten wohl nur noch aus den Geschichtsbüchern bekannt ist.

Aufstellung:
Hertel – Bublak, Kohl, Hoffmann, Möller – Schuhmann (68. Engel), Meiser (80. Labude), Tucic, Schulte – Bußmann, Hoss (73. Brunnert)

 Tore:
1:0 65. Min Bußmann (Rechtsschuss, Möller)
1:1 70. Min
2:1 72. Min Bußmann (Rechtsschuß, Hoss)
3:1 85. Min Bublak (Rechtsschuß, Brunnert)

 

3 Responses to Tanztheater

  1. Steffen sagt:

    Super Bericht Micha! Und Endlich wieder 3 Punkte. Weitermachen!

  2. Ben sagt:

    Danke für’s Reinstellen! 🙂
    Und wirklich ein sehr guter Bericht, Micha!

  3. marc sagt:

    Die Südkurve skandiert: TRENDWENDE, TRENDWENDE, TRENDWENDE! Glückwunsch zum Sieg.

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