Gut gegen Böse, das Positron gegen das Elektron, die starke Wechselwirkung gegen die Coulombkraft, der Neandetaler gegen den Homo sapiens, Troja gegen die Griechen, Scott gegen Amundsen, Liebknecht gegen Scheidemann, der Warschauer Pakt gegen die NATO, Muhammad Ali gegen George Foreman – all die großen Duelle der Geschichte, längst vergangen geglaubt, finden sie ihre Fortsetzung im immer jungen Vergleich Kreuzbergs 36 mit Kreuzberg 61. Am Samstag nun machten sich gleich drei Verbände der stolzen 36er Hansas auf gen 61, um ihre Schlachten für das Wahre zu schlagen, zwischen bizarr intakten Kleinfamilien, Bio-Vollkornbäckereien und Sushi-Schnell-Restaurants mit Wireless Internetzugang.

Und während die G-Jugend ein 3-1 gegen die Wellness-Kreuzberger der Berliner Amateure feiern konnte, zog die dritte D gegen ebendiese den Kürzeren, weshalb es der ersten E oblag, in ihrem Spiel gegen Eintracht Südring für klare Verhältnisse zu sorgen.

Voller Mut war man am Schlesischen Tor aufgebrochen, hatte sich beim Umsteigen am Kottbusser Tor noch einmal die ganze Schönheit des alten Postbezirks Berlin Südost 36 vergegenwärtigt und war bei der Landung im tiefsten Inneren der Dekadenz, im Bergmannkiez, noch guter Dinge. Doch spätestens beim Betreten des makellosen Kabinenneubaus und der Inspektion des wie gestern verlegt wirkenden Kunstrasens war klar, dass eine viertelstündige U-Bahnreise schon ausreichen kann, um in völlig fremde Galaxien zu gelangen.

Wieso war der Kunstrasen hier grün? Wo war der Sand geblieben? Würden hier überhaupt dieselben physikalischen Gesetze gelten, die zwar teilweise etwas nervten, an die man sich mittlerweile aber wenigstens gewöhnt hatte?

Entsprechend unsicher begann das Team aus der Wrangelritze, und während sich die Gastgeber schon das ein oder andere Mal vors Tor kombinierten, verpufften die gelb-schwarzen Angriffsbemühungen erst einmal im Nichts.

Erst als der an diesem Tage unglaublich starke Usama auf die zentrale Verteidigerposition wechselte und der hanseatischen Defensive die nötige Sicherheit verlieh, bekam Hansa den Zugriff zur Partie, die sich nun auf Augenhöhe abspielte. Und nachdem der glänzend aufgelegte Torhüter Lukas mit der einen oder anderen Premiumparade das 0-0 gehalten hatte, kamen kurz vor der Halbzeit die Gäste zur bis dahin besten Chance des Spiels. Nach Ballgewinn im Mittelfeld fand ein schneller Pass Levin im rechten Mittelfeld, der spielte den Ball in den Rücken der weit aufgerückten Abwehr direkt in den Lauf des schnellen Yannis, der allen Gegenspielern enteilte und von halblinker Position alleine auf den Torwart zu rannte. Dieser entschloss sich zu der unorthodoxen Abwehrmethode, Umrennen des Stürmers bei gleichzeitigem Ignorieren des Balls, welcher vor die Füße des nachgerückten Mathis fiel, der eigentlich nur noch ins leere Tor einschieben musste, dabei aber nur den Außenpfosten traf.

Und so ging es torlos in die Pause, in welcher breiter Optimismus die Kabine Hansas bevölkerte. Zu Recht, wie es nach dem Seitenwechsel schien. Denn nach leichten Korrekturen in der taktischen Ausrichtung begann mit dem Wiederanpfiff schon beinahe gewohnheitsmäßig die stärkste Phase Hansas, welche nun spielbestimmend mit einer ganzen Reihe gelungener Angriffsaktionen aufwartete. In der 35. Spielminute kam Namik auf halblinker Position an den Ball und zog relativ unbedrängt ab – sein Schuss klatschte aber wieder an den Pfosten.

Wenige Augenblicke später wurde dann Yannis vom Mittelfeld freigespielt und lief wieder allein auf den Torwart zu. Es schien wie eine Kopie der Situation Ende der ersten Halbzeit, diesmal aber kam der Hansa-Stürmer zum Abschluss und schob den Ball, der gerade so unter dem hechtenden Kipper hindurchrutschte zur 1-0 Führung ins Netz.

Der Treffer beendete dann die Drangphase der 36er, die ihr Heil nun in der Defensive suchten und erst einmal keine echten Torchancen zuließen. Der Dauerdruck der Südringe forderte aber dann doch Tribut und sieben Minuten vor Schluss fiel der Ball nach missglückter Abwehr einem Eintracht-Stürmer vor die Füße, der keine Mühe hatte, zum Ausgleich einzuschießen.

1-1, ein Unentschieden, das unseren Protagonisten nicht zu genügen schien. Angetrieben vom Trainerteam an der Seitenlinie warfen die Jungs in Gelb-Schwarz noch einmal alles nach vorne, fanden aber in den dichten Reihen des Gegners keine Lücke.

Und so blieb es beim Unentschieden bis in der letzten Minute ein allerletzter wütender Angriff Hansas von einem Abwehrspieler geblockt wurde, der den Ball dann weit nach vorne schlug.

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Erinnern wir uns: Vor Wochenfrist besiegte Hansa den NSC Marathon mit 2-1, nachdem eine Großchance zum Ausgleich in der allerletzten Sekunde hauchdünn nicht genutzt worden war.

Kurz danach entdeckte die Himmelspolizei nach einem Hinweis der Schutzgöttin des Bergmannkiezes, Gentrifithene, die sich vormals unter dem Namen Denunzia als Aushilfsheilige der Deutschen Demokratischen Republik einen Namen gemacht hatte, mehrere Schicksalsgöttinnen in Hansa-Trikots gekleidet bei orgiastischen Feiern – ein Verstoß gegen die auferlegte Neutralitätspflicht, welcher mit drastischen Strafen geahndet werden sollte.

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Aus dem Nichts materialisierte sich nun ein Stürmer der Südringe, welcher sich mutterseelenallein in der Hälfte der Hanseaten befand – die Abwehr war mit nach vorne aufgerückt –  und alle Zeit der Welt hatte, den Ball in Ruhe anzunehmen, in Richtung Tor zu laufen und den herausstürmenden Lukas mit einem Heber zu überwinden.

2-1 für Eintracht Südring – Entsetzen legte sich auf die Glieder der Hanseaten, welches nach dem nun erfolgenden Schlusspfiff allmählich einer tiefen Enttäuschung wich, die erst ein wenig nachlassen wollte, als das warme Licht des U-Bahnhofes Kottbusser Tor die Rückkehr in heimische Gefilde versprach.

(Autor: Cornelius)

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2 Responses to Ein Spiel dauert 50 Minuten

  1. christian sagt:

    großartig. einfach großartig. cornelius, bitte mehr davon!

  2. Yasmin sagt:

    „großartig. einfach großartig. cornelius, bitte mehr davon!“ zitat ende.

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