Kreisliga B, Staffel 2, 23. Spieltag, Sonntag, 27.04., FSV Hansa 07 II – BFC Tur Abdin II 9:1 (3:0)
(Autor: Hendrik Schmidt)

An jedem zweiten Sonntag des Jahres gibt es für den durchschnittlichen Spieler der Zweiten Herrenmannschaft von Hansa 07 ein dickes Brett zu bohren. Sein Wecker klingelt zu nachtschlafender Zeit um 8:30 Uhr. Was? Muss ich arbeiten? Hab ich Uni? Bin ich im Sisyphos verabredet? Er ist verwirrt und ungläubig, auch durchaus wütend. Doch nach kurzer Zeit lichten sich Rauch, Nebel und sonstige Dünste im Kopfe des Spielers, und er erkennt: Mann, du hast gleich ein Heimspiel!

Sein Hormonhaushalt durchläuft eine rasante Wendung: Die Dämme öffnen sich und der endlose, flache Tümpel aus Melatonin wird geflutet. Adrenalin, Serotonin sowie diverse Endorphine bahnen sich ihren Weg und verwandeln den Körper in ein raues, kraftvolles, unberechenbares Meer voller Tatendrang, voller Übermut. Er nimmt ein schnelles, aber stärkendes Frühstück zu sich: Haferflocken, Bananen und Joghurt sorgen für einen ausreichenden Vorrat an Ballaststoffen, Vitaminen und Eiweißen; der Kaffee – ja, er gehört nunmal dazu. Nach Frühstück und Katzenwäsche schwingt sich der Spieler elegant auf sein Rad. Auf seinem Weg muss er immer wieder Glasscherben, Schnapsleichen und übermutigen Partytouristen ausweichen. Aber nichts kann ihn mehr aufhalten.

Das Ziel ist klar: Gegen die in der Tabelle abgeschlagenen Sportsfreunde der zweiten Herrenmannschaft vom BFC Tur Abdin gilt es, drei wichtige Punkte im Kampf um Aufstiegsrang Zwei zu holen. Auch erinnert sich der Spieler an die Hinrunde und das erste Spiel zwischen beiden Mannschaften. Bei diesem wurden die Hansaspieler von einigen ihrer Kontrahenten belächelt, teilweise sogar bezichtigt, des Fußballsports nicht mächtig zu sein. Gute Gründe also, um am heutigen Tag unter Beweis zu stellen, dass sich die Gegner seinerzeit nicht nur irrten, sondern gewaltig daneben lagen. Dementsprechend schwor das Trainerteam um Headcoach Göritz und Technikfuchs Engel die Mannschaft ein. Auf dem Platz sollten Hertel im Tor; Winkler, Stürmer, Hoffmann und Bublak in der Viererkette; Behrendt, Meiser, de Gyves und Allinger im Mittelfeld sowie im Sturm Hausmann und Bialon den insgesamt 10 gegnerischen Spielern jeglichen Spaß am Spiel nehmen. Auf der Bank Platz nehmen durften Littmann, Relitz und Schmidt.

Die Partie entwickelte sich rasch zu einem recht munteren Spielchen, dass sich (zumindest für die erste Hälfte) idealtypisch so beschreiben lässt: Anstoß Tur Abdin, schnelle Balleroberung durch die Hansa. Der Ball gelangt in zentraler Position zu Behrendt, dieser vernimmt von links Rufe. Er schlägt einen hohen, langen und durchaus präzisen Diagonalball zu de Gyves. Dieser hat viel Platz, wackelt ein bis zwei Gegner aus und passt den Ball zu einem besser postierten Mitspieler. Dann erfolgt ein Torabschluss, meistens jedoch nicht zwingend. Abstoß Tur Abdin, Balleroberung durch die Hansa. Der Ball gelangt in zentraler Position zu Behrendt, Diagonalball, de Gyves, Pass, Abschluss. Abstoß, Balleroberung, Pass, Schuss, man kennt es. Dass das erste Tor dann nicht von links, sondern durch eine präzise Flanke von rechts vorbereitet wurde, gleicht einem mittleren Fußballwunder. Bialon musste sich nur noch in seiner unnachahmlichen Art hochschrauben, den Ball an seinem wuchtigen Kopf abprallen lassen und am überforderten Schlussmann vorbei in die Maschen wuchten. Der zweite Torerfolg gestaltete sich ähnlich. Schneller Angriff, flache Hereingabe, ein Fuß von Hausmann, drin das Ding. Nach dem dritten Tor (wiederum durch Bialon in einer ansehnlichen Einzelaktion erzielt) begann man auf der Bank, sich zu entspannen. Doch unerklärlicherweise gelang dies den Aktiven auf dem Rasen nur in sehr eingeschränktem Maße. Nach einigen Fehlpässen und abnehmender Körperspannung begannen langsam, aber sicher Auseinandersetzungen innerhalb der Mannschaft. Gut für die Hansa, dass die durchaus als unterlegen zu bezeichnenden Gegner daraus keinen Gewinn ziehen konnten.

Zur zweiten Halbzeit wurde in rascher Reihenfolge das Bankpersonal aufs Feld gestellt. Aber auch hierdurch gelang es nicht, das Spiel zu beruhigen. So kam es durch eine unglücklich ins eigene Tor verlängerte Ecke sogar zum Anschlusstreffer für Tur Abdin. Was dann folgte, glich eher einem Possen- denn einem Fußallspiel. Nach einem aus Sicht des Gegenspielers unfair geführten Zweikampf droht man unserem Durchschnittsspieler vor den Augen des Schiedsrichters, ihm sämtliche Kauwerkzeuge aus dem Kiefer zu schlagen. Wäre das Spiel vom ZDF übertragen worden, würden sich die Ollis namens Welke und Kahn wohl noch heute fragen, warum dies keinen Platzverweis nach sich zog. Es bedurfte erst eines rabiaten und als Tätlichkeit zu wertenden Bodychecks desselben Spielers an dem arglosen Keeper Hertel, damit der Schiedsrichter ein Einsehen hatte und den Übeltäter vom Platz stellte. Zuvor war mit Behrendt (nach wiederholter verbaler Kraftmeierei innerhalb der Mannschaft von Hansa) einer der wohl talentiertesten Spieler seiner Generation des Feldes verwiesen worden.

Nach den roten Karten beruhigten sich beide Mannschaften wieder, und das Spiel nahm seinen Lauf. Höhepunkte waren diverse vertane Großchancen, deren beste Hausmann vergab, indem er, unbedrängt fünf Meter vor des Gegners Tor stehend, den Ball formvollendet neben den rechten Pfosten setzte. Nichtsdestotrotz durften Fans und Verantwortliche noch das ein oder andere Tor bestaunen, unter anderem einen Doppelpack des Jungspielers Allinger sowie ein sehenswertes Freistoßtor von Abwehrgrazie Stürmer. Nach dem Spiel drängte sich bei allen Beteiligten eine Erkenntnis auf, die absoluten Seltenheitswert hat: Nicht gut gespielt, 9:1 gewonnen.

Aufstellung: Hertel – Winkler (46. Schmidt), Stürmer, Hoffmann (65. Relitz), Bublak – de Gyves, Meiser, Behrendt, Allinger – Bialon (60. Littmann), Hausmann

Spieler des Spiels: Jonas Allinger, der sich durch das Heckmeck seiner nominell erfahreneren Kollegen nicht aus der Ruhe bringen ließ, ein ständiger Gefahrenherd in der Offensive war und mit zwei Toren einen substantiellen Teil zum Sieg beitrug.

(BFC Tur Abdin II hat unter der Woche die Mannschaft aus der Staffel zurückgezogen.)

 

 

 

7 Responses to Spargelzeit

  1. Steffen sagt:

    Echt guter Spielbericht. Leider ist der 9:1 Sieg ja jetzt hinfällig. 🙁
    Eine Sache möchte ich aber anzweifeln, dass morgendliche Bananen-Joghurt-Müsli als durchschnittliches Hanseaten Frühstück. Das endet doch meist beim Kaffee am Späti. 😉

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