9. Spieltag: SC Borsigwalde 1910 – FSV Hansa 07 3:0 (1:0)

Erinnert sich noch jemand an die Auswärtsdeppen? So nannten sich die Kuttenträger vom Niederrhein, die mit ansehen mussten, wie Borussia Mönchengladbach 2007 aus der Ersten Bundesliga abgestiegen ist, weil ihre Mannschaft einfach nicht imstande war, auswärts zu punkten. Die desaströse Bilanz zum Saisonende las sich wie folgt: ein Sieg, zwei Unentscheiden – macht fünf von 51 möglichen Punkten. „Wir fahren weit, wir fahren viel und verlieren jedes Spiel“, sangen die Anhänger der Borussia in den Gästeblocks. Nur die Selbstironie konnte sie vor dem kollektiven Fansuizid bewahren oder davor, ihr Herz ein paar Kilometer rheinaufwärts neu zu verschenken.

Drei Engel für Ali

Nach fünf Pleiten in Serie (0:3, 1:2, 1:2, 2:6, 0:3) geht auch bei den Kreuzbergern die latente Angst um, auswärts nur noch als Punktelieferant wahrgenommen zu werden. Zunächst hatte man ja noch die Hoffnung, der so genannte Naturrasenfluch sei schuld daran, dass die Kunstrasenkicker auf des Gegners Platz regelmäßig patzen. Mittlerweile, nach zwei Niederlagen im Quarzsand, kann diese Ansicht getrost ins Reich der Legenden und Ausreden verwiesen werden. Daher: Willkommen bei den Auswärtsdeppen 2.0, willkommen bei Hansa 07 und den wenigen Allesfahrern aus Kreuzberg, die es immer noch wagen, sonntags ihren Kiez zu verlassen, um mit Hansa irgendwo am Stadtrand zu leiden.

So wahrscheinlich wie Sonnenbrand im Winter

Am vergangenen Sonntag war sich der SC Borsigwalde 1910 verdammt sicher: „Gegen Hansa? Was soll uns daheim schon passieren?“ Von einem Gespräch, das so oder so ähnlich stattgefunden haben muss, berichtete Ohrenzeuge Trainer Ali Ilhan seiner Mannschaft in der Kabine. Er wollte damit an die Ehre seiner Spieler appellieren, ihnen den Auswärtsfatalismus irgendwie austreiben.

Die Vierer-Fehlerkette

Und tatsächlich, es schien geholfen zu haben. Die Wrangelkicker erspielten sich von Beginn an eine zumindest optische Überlegenheit und setzten mit einem Fernschuss von Thomas Schachner einen frühen Akzent in Sachen Auswärts-Aufwärtstrend. Wie beim Vorspiel tasteten sich die Kreuzberger fortan immer wieder heran an die erogenen Zonen im Sechzehner, doch zum Abschluss kamen sie nicht, der Höhepunkt blieb ihnen wieder mal versagt. Zwei Halbchancen später war das Offensivpulver dann auch schon verschossen. Weil sich das eher defensiv ausgerichtete Mittelfeld um Schachner und Pablo Gorelik in zahlreichen Zweikämpfen aufrieb, konnte die Doppelspitze Engin Kahraman und Ercan Öktem nicht mit Steilvorlagen gefüttert werden. Flanken wurden selten gesichtet. Ein Tor nach einem Freistoß war so wahrscheinlich wie Sonnenbrand im Winter.

Der Tabellenzweite aus Borsigwalde zeigte, wie sich anfängliche Zurückhaltung nach nur einem explosiven Spielzug lohnen kann. Ein Fehlpass von Linksverteidiger Andreas Selk wurde umgehend in die Spitze geleitet, wo der Stürmer den Ball gerade noch so am herauseilenden Torwart Christian Haberecht vorbei in die Mitte legen konnte und wo der zweite Stürmer gerade noch so am grätschenden Kökyaprak vorbei einschieben durfte (28.). Vor der Pause vergaben die Gäste zwei weitere Chancen – Hansa war noch zu sehr damit beschäftigt, den unnötigen Rückstand zu verdauen.

Gute Miene zum bösen Spiel

Die zweite Halbzeit begann wie die erste. Harmlos 07 spielte nette Querpässe und halbgefährliche Steilpässe, ohne jedoch zwingend zu sein. Die Gäste hingegen flankten einfach mal scharf nach innen, die Flanke enttarnte sich zum großen Erstaunen von Haberecht als Torschuss – 0:2 (63.). „Als er über mir war, wollte ich ihn weggucken“, sagte der sichtbar angefressne und schuldbewusste Torwart nach dem Spiel. Zum Trost ein Zitat des Schiedsrichters: „Ihr hättet noch zwei Stunden spielen können und hättet kein Tor geschossen.“ Also wurden eine halbe Stunde vor Schluss die Angriffsbemühungen mehr oder weniger eingestellt. Daher war das 0:3 (90+2) auch nicht mehr als ein weiteres Auswärtsgegentor. Die Kreuzberger hatten sich längst mit der Niederlage abgefunden, Jakob Huber verweigerte das Kopfballduell, der Abpfiff Sekunden später. Die Auswärtsdeppen durften endlich nach Hause.

Aufstellung: Haberecht – A. Selk, Karayel, Linke, Akdogan (75. Catal) – Huber, Schachner, Gorelik, Kökyaprak (60. Yücel) – Kahraman, Öktem

Tore: 1:0 (28.), 2:0 (63.), 3:0 (90+2)

Karten: Haberecht (gelb, „Herr Schiedsrichter, das war inkorrekt!“), Schachner und Karayel (Foulspiel)

Hansa-Spieler des Spiels: Der Schiedsrichter – Zitat nach einem groben Foulspiel an Schachner: „Jetzt bist du endlich wach.“

Besondere Vorkommnisse: Kein Stau auf dem Rückweg

Aktueller Tabellenplatz: 10.

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8 Responses to Vorspiel mit Harmlos 07

  1. christian sagt:

    immerhin, unsere berichte sind brandgefährlich. 🙂 danke paul.
    ein paar zeilen des gegner und eine ganze reihe fotos gibts hier: http://cid-52b706f8fb40dd3d.spaces.live.com/?lc=1031

  2. Sebastian sagt:

    Grossartig verschriftlicht! Die Frage ist, ob ein 5:0 Heimsieg auch so einen Bericht hervorbringt…

  3. capitano sagt:

    Fünf Höhepunkte?! Wohin soll das führen?

  4. capitano sagt:

    Die Uhr tickt hier falsch… (17:18)

  5. roman sagt:

    die auswärtsdeppen…
    großartig – äh peinlich – äh… hansa

  6. marc sagt:

    Ich würd mal sagen, Panik machen gilt nicht!
    Das ist das berühmte Lehrgeld, dass in der neuen Liga gezahlt werden muss. In so nem Fall halt ich es immer gerne mit dem ollen Huub: „Die Null muss stehen!“ (aber auf der richtigen Seite!!!)

  7. marc sagt:

    Ich vergaß: Kopf hoch, Hansa!

  8. christian sagt:

    danke für die fotos, julia! und danke fürs hochladen, paule!

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